Hensel´s Sonntagsmatinée: die Dienerschwemme

von Hans-Peter Schröder

Diener (2)

„Die Mäuse haben sich schon wieder vermehrt, das liegt an der guten Ernte. Wir sollten einen Teil sofort verbrennen, sonst bleibt gar nichts für uns. He, hast du gehört, ich rede mit dir, du könntest wenigstens mehr Fallen aufstellen.“

„Fallen? Und was soll ich als Köder `reintun? Korn?“ Sie verstummte. So endeten alle ihre Auseinandersetzungen. Zwei Standpunkte, von denen einer …. . Sie ärgerte sich. „Mensch Mann, es geht um uns. Um uns und um unsere Familie und um unsere Nachbarn, das Dorf, die Gemeinde, begreif` das endlich, kein Spiel, hast du nicht gehört, was Dr. Nierenstein gestern im Radio gesagt hat?“

Doktor Nierenstein, der Mitesser in allen Lebenslagen, wie er scherzhaft von den Gläubigen genannt wurde, wußte immer Rat, zu allem äusserte er eine Meinung und die vertrat er auch. Kein Kunststück, dachte sie etwas neidisch, der hat keinen Mann und keine zweite Meinung, gegen die er bestehen muß. Immer spricht er so klar, so überzeugend, in einfachen, bewegenden Sätze, wie dem: „Überfluß tötet“. Mit diesem Satz war die unethische Diskussion um den Biosprit zuende gewesen.

„Der Nierenstein macht uns mobil“, sangen seine dankbaren Anhänger am nächsten Tag vor den Breitbandfernfunkstalten, bis sie von der anstampfenden Glückskohorte 14  unter „Macht Weg frei“-Rufen von der Fahrbahn geschoben wurden. Dr. Otto Nierenstein wandte sich am selben Abend mit herzlichen Dankesworten an beide Gruppen.

„Was hatte er gestern nur gesagt?“ Sie überlegte; so war es immer, die Worte verflüchtigten sich zu schnell. Sie versuchte angestrengt, aus ihren Gefühlen seine Rede zu erinnern.

Sagte er nicht, wir müssten noch mehr produzieren, um den Überfluss in den Griff zu bekommen, denn je weniger da ist, desto schwieriger wäre es, das Zuviel sinnvoll einzusetzen? Wie verwirrend.

Hat er das wirklich gesagt, oder meinte sie das nur? Wegen der Gefühle. Und über die Mäuse, was hatte er über die Mäuse gesagt? Es fiel ihr nicht ein. Hatte er überhaupt über die Mäuse gesprochen?

Sie wollte schon ihren Mann fragen, riß sich dann aber zusammen. Er saß da, vor ihr, am Tisch, wie abgeschaltet. War das ihr Mann? Sie konnte sich einen Augenblick lang nicht mehr an ihn erinnern und bevor sie noch Zeit hatte, sich zu wundern oder gar zu schämen, drehte sie sich um ihre Achse, die Küche drehte sich, oder kam ihr das nur so vor?, die Wände verschwanden,  eine Haarsträhne fiel in Zeitlupe auf ihre Schulter, mein Gott dachte sie noch, ich muß krank sein und zitternd erinnerte sie sich auf einmal an Alles…
Daran…. .

Daran, wie sie sich eingeschlichen hatten, unter falschen Namen, aus den Arons hatten sie und ihre Helfershelfer lauter Rons gemacht, als Aussenminister verhandelten sie unter sich, als Finanzminister saßen sie plötzlich in Regierungen, stellten Ministerpräsidenten, leiteten Schwindelbanken und führten Kriege, in denen sie die Völker ihrer eigenen Länder nach Lust und Laune aneinander verbluten ließen, alles zum Ruhme eines schmutzigen Dämons, in dessen Händen alles verfaulte, was er berührte. Bio, das Wort machte ihr Schüttelfrost. Da war nichts von Bio in denen.
Sie erinnerte sich an das Märchen von der überlegenen Intelligenz, an die Zeit, als die Netzwerke aufflogen, als ihre Komplizenschaft mit dem organisierten Verbrechen, ihre Brutalität, mit der sie Menschen ausschlachteten, ihre unvorstellbare, entsetzliche Heimtücke, die Diebstähle und die Massenmorde offen sichtbar wurden und als ihre Diener nicht schnell genug fliehen konnten.

Da waren die Rosenbaums und Goldsteins schon abgetaucht gewesen. Und auch die Schmerbauchs und Güldensterns verschwanden, denn die hatten das Treiben ihrer Genossen andauernd feingeredet.
Und sie erinnerte sich plötzlich an ihren Klassenkameraden Benjamin, der ihr ein Schulbuch nur gegen Bares ausleihen wollte. Eine Mark hatte er verlangt, der Musterschüler Benjamin! Woher sollte sie die nehmen? Der Haß schlug über ihr zusammen, so spürbar erinnerte sie sich.

Und sie erinnerte sich daran, daß sie alles vergessen hatte. Wieso konnte sie all` das vergessen haben? Ihr war immer noch schwindelig. Als sie die Augen öffnete erblickte sie Sam, der sich erleichtert über sie beugte.
„Was ist denn passiert? Mäuse?“, fragte sie. Sie lag auf einem Kissen auf dem Fußboden.

„Holla, was war denn das, einfach umzukippen“, sagte er, „die Mäuse“, er lachte, „waren es jedenfalls nicht“. Er lachte noch einmal. Kurz und trocken und reichte ihr ein Glas Wasser. Sie drehte sich zur Seite und schaute auf eine kleine Plastkarte. Sie wollte danach greifen, doch er kam ihr zuvor.

„Das muss mir aus der Tasche gefallen sein“, sagte er, „ mein Ausweis“, und er streckte die Hand aus, um ihn aufzuheben. Aus den Augenwinkeln las sie, Identität des Inhabers: Samuel F… .

Sie wurde ohnmächtig. Als sie zu sich kam, sah sie die Bestie.

Dienerschwemme

 

Tank, Teller und ein Keil

 

Eines Tages wacht man auf. Ein Gedanke kreist und zieht verwandte Gedanken an. So entstehen Kurzgeschichten. Die Idee, bei guten Geschichten das Ideelle, ist das Gerüst von dem aus die ineinander und nebeneinander lebenden Schattierungen sichtbar werden. Eine gute Geschichte bildet nicht einfach ab, sondern sie stellt dar, so daß der Leser beim Akt des Lesens auf eine Weise bereichert wird, die dem Begrapschen der Propaganda entgegengesetzt wirkt.

Frei atmen lassen uns sogar die Geschichten, die eine scheinbar bedrückende Botschaft vermitteln, wenn sie uns dabei die Augen öffnen, wenn sie uns Ursprüngliches klar machen. Wir sind nicht ahnungslos. Wir können unterscheiden und dabei auf eine solide, naturgegebene Ausrüstung vertrauen. Um es mit einem abgewandelten Zitat aus 2001 auszudrücken „Im Inneren sind wir voller Sterne.“
Wir benötigen keine „Anregungen“, kein „Anstöße“, alles ist bereits vorhanden. Wir müssen nur zugreifen und uns dazu bekennen. Gelegenheiten verstreichen oft ungenutzt; wir sind beständig von Möglichkeiten umgeben.

Ich benutze Zeitungen nur noch, um Abfälle einzuwickeln. Dafür halte ich mir einen kleinen Vorrat von überlebten Nachrichten. Und obwohl bemüht die Blätter seitenverkehrt auszubreiten, streift der Blick automatisch und so fand sich vorgestern, beim Gemüseputzen, das unten wiedergegebene „Lied vom Cropzeug“. Wie passend.

 

Cropzeug (2)

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