Hans Magnus Enzensberger über Bewußtseinsbildung

von H.-P. Schröder

 

 

BILDZEITUNG

Du wirst reich sein
Markenstecher Uhrenkleber:
wenn der Mittelstürmer will
wird um eine Mark geköpft
ein ganzes Heer beschmutzter Prinzen
Turandots Mitgift unfehlbarer Tip
Tischlein deck dich:
Du wirst reich sein.

Manitypistin Stenoküre
du wirst schön sein:
wenn der Produzent will
wird die Druckerschwärze salben
zwischen Schenkeln grober Raster
missgewählter Wechselbalg
Eselin streck dich:
du wirst schön sein.

Sozialvieh Stimmenpartner
du wirst stark sein:
wenn der Präsident will
Boxhandschuh am Innenlenker
Blitzlicht auf das Henkerlächeln
gib doch Zunder gib doch Gas
Knüppel aus dem Sack:
du wirst stark sein.

Auch du auch du auch du
wirst langsam eingehn
an Lohnstreifen und Lügen
reich, stark erniedrigt
durch Musterungen und Malz-
kaffee, schön besudelt mit Straf-
zetteln, Schweiss,
atomarem Dreck:
deine Lungen ein gelbes Riff
aus Nikotin und Verleumdung
möge die Erde dir leicht sein
wie das Leichentuch
aus Rotation und Betrug
das du dir täglich kaufst
in das du dich täglich wickelst.

Hans Magnus Enzensberger „Bildzeitung“, 1957

Enzensberger über sein Gedicht: „Die Bewusstseins-Industrie ist ein Kind der letzten hundert Jahre. … Sie ist die eigentliche Schlüsselindustrie des 20. Jahrhunderts. … Indem Meinungen, Urteile und Vorurteile verbreitet werden, versucht diese Art von Industrieerzeugnissen die existierenden Herrschaftsverhältnisse, gleich welcher Art sie sind, zu verewigen. Sie soll Bewusstsein nur induzieren, um es auszubeuten. Ihr Produkt ist immateriell. … Wer Herr und Knecht ist, das entscheidet sich nicht nur daran, wer über Kapital, Fabriken und Waffen, sondern, je länger je deutlicher, daran, wer über das Bewusstsein der anderen verfügen kann. Seitdem sich die Produktion materiller Güter genügend ausgedehnt hat … ist jede Herrschaft prinzipiell ungesichert, von der Zustimmung ihrer Subjekte abhängig: nach deren Zustimmung muss sie trachten, unablässig muss sie sich selbst rechtfertigen. … An die Stelle der materiellen tritt eine immaterielle Verelendung, die sich am deutlichsten im Schwinden der politischen Möglichkeiten des einzelnen ausdrückt: einer Masse von politischen Habenichtsen, über deren Köpfe hinweg sogar der kollektive Selbstmord beschlossen werden kann, steht eine immer kleinere Anzahl von politisch Mächtigen gegenüber. Dass dieser Zustand von der Majorität hingenommen und freiwillig ertragen wird, ist heute die wichtigste Leistung der Bewusstseins-Industrie.“ (Einzelheiten I, 1962)

(http://www.raffiniert.ch/senzensberger.html)

4 Gedanken zu „Hans Magnus Enzensberger über Bewußtseinsbildung

  1. Bild, ich weiß nicht. Das erinnert mich an meinen Alt-68er Deutschlehrer, der uns mit Tränen in den Augen das übelste Holocaust-Material vorgeführt hat (was mit dazu beigetragen hat, dass ich meinen Großeltern nicht mehr geglaubt habe, wenn sie von ihrer Meinung dazu gesprochen haben, und dass ich meine Großeltern dafür aufs Härteste verurteilt habe). Dieser Deutschlehrer hat uns als Wallraff-Fan weiterhin beigebracht, wie schrecklich die Bildzeitung ist.

    Im Zuge, alles zu hinterfragen, ist wahrscheinlich auch die Frage interessant, ob und warum die Bild-Zeitung wirklich schrecklich ist. Gelten die gleichen links-Wallraff-Argumente in diesem Fall weiter?

    Tatsache ist jedenfalls, dass Wallraff der Bild-Auflage überhaupt nicht geschadet hat.

  2. Meiner Meinung nach geht es um das gewaltsame Überstülpen von durch nichts zu rechtfertigenden Meinungen auf (dadurch) wehrlos gemachte Gehirne, auf unterem Niveau. Heute rechts, morgen links, gestern Mitte, morgen „progressiv“, täuscht die Methode Veränderung vor, wo sie in realitas den Traumzustand fördert und Bewegung verhindert,- auf unterem Niveau. 7 Millionen Erwachsene können nicht richtig lesen und schreiben. Die „Herumposauner Jerichos“, von Bild bis Zeit, von ARD-Kultur bis zu den Bildungsprogrammen ( Bildung und Programm schließen sich praktisch aus), von anspruchsvollen vollen Magazinen für 3000- Wortbesitzer, die sich für wohlhabend halten, bis zu schlanken Werbeblättchen, wie Stern und Sternchen, sind Teil desselben Primitivprogramms zur Entgeistung. „Und sie bezahlen noch dafür…“, daß Sie in ihren Primitivträumen verharren müssen ( Du Farah Diba auf dem Traumschiff, – Du 200 PS in der Hose ), damit ihnen die Traum- und Schaumschläger der Journaille, die natürlich ihrerseits in diversen Egoträumen dahinblubbern, ohne Widerstand befürchten zu müssen, das Fell über die Ohren ziehen können, um sich daraus ein paar leckere Handschuhe zu nähen, von denen sie irrigerweise annehmen ( es wurde ihnen „eingegeben“), daß sie sich mit ihnen gegen die Kälte der Nichtexistenz schützen können, während sie sich ihrerseits bereitwillig von noch perfekteren Schaum- und Traumschlägern gegen den Gewissensbiß mit dem Hinweis : Wozu brauchen DIE Handschuhe? Die sind eh verloren.“ impfen lassen.
    Summasummarum: Hoffnung existiert, sobald man sie hinter sich lässt.

  3. @H.-P. Schröder
    Natürlich ist die Bild Verdummung, und es ist leider so, dass immer größere Bevölkerungsanteile (abgesehen von der Umerziehung) objektive Bildungsdefizite haben.

    Ich denke, die Lüge speziell bei Bild ist, dass die Bild schlimm sei (weil sie nicht so richtig links ist), während linkes Intellektuellen-Zeug wie Spiegel, Zeit etc. gut sei. Obwohl sie alle ganz genau die gleiche Verdummung bieten.

    Die Wallraff-Bestseller waren (zusammen mit den Ökos) in den 70ern der Startpunkt für das richtig weit verbreitete linke Gutmenschentum: Anti-Kapitalisten-Aufklärung, Anti-Bild-Aufklärung, Türkenfreundlichkeit etc. Da fing es an, dass nicht nur die Linken links waren, sondern wo diese Art zu denken in der Gesamtbevölkerung die Norm wurde.

    Man bedenke, dass Wallraffs Ghostwriter bekanntlich Hermann Gremliza („Konkret“) war, und der ist sicherlich ein durch und durch indoktrinierter Sozialistenkader, der ganz genau weiß, was er tut, und wofür.

    Der Bild-Auflage hat es nicht geschadet, das war wohl gar nicht das Ziel. Die Erfolge lagen in der breiten linken Massen-Indoktrination.

    Was Bild betrifft hoffe ich, dass der Honigmann Recht hat, wenn er sagt, dass von Friede Springer und Liz Mohn (Bertelsmann) vielleicht noch Sinnvolles zu erwarten ist, weil sie beide große Medienkonzerne unter sich haben, ohne dem Religionskreis anzugehören, der sonst an der Medienspitze üblich ist. Sie haben enorme Medienmacht, und damit die Möglichkeit, die öffentliche Meinung zu „drehen“. Dazu braucht es halt auch noch den entsprechenden Willen.

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