Hensel´s Sonntagsmatinee: das Wunder im Gemüsefach

von H.-P. Schröder


auf dem Weg

*
Jugend, schöne Jugend

Ich erinnere mich an das DamalsIch nur sehr undeutlich. Wir sahen alle ähnlich aus. Standen hübsch ordentlich aufgereiht, gleicher Abstand, selbe Höhe, bis zum Rand. Hunderte, wenn nicht gar Tausende, eine wahre Prachtarmee, gerundete Buckel aus der Erde gedrückt, in Kompanien gemacht. Es war eine Lust in uns, im Gleichschritt zu wachsen, denn allseits gerecht wurden wir behandelt, doch wir empfanden nichts wirkliches dabei. Das ahnte jeder, der sich noch umschauen konnte. Dieselbe Wasserration, dieselben Nährstoffe, dieselben Fortschritte. Alle dachten dasselbe. Wir waren Eins.
Über Nacht, manchmal am Tag, verschwanden welche, wir bemerkten es an den Freiflächen, nur eine schattenhafte Bewegung war zu sehen gewesen, kein Löchlein blieb, ein flüchtiges Rätsel, nach der nächsten Dusche schon wieder vergeßen. Nach den Duschen zerrte uns ein Reißen an den Gliedern. Heute weiß ich, wir wurden sonderbehandelt. Wir mußten wachsen.

Wir hatten keine Zeit, uns zu entwickeln. Feinde blieben uns unbekannt, ab und zu ein Brummen in der Ferne, ein Knattern und Sprühen, danach ein Rauschen, dann wieder Stille. Nachts schliefen wir unter Planen. Eigentlich ließ uns das Gliederreißen gar nicht zur Ruhe kommen. Daß es so etwas wie Schmerzmittel überhaupt gab…. . Wir hatten keine Ahnung. Schmerzmittel gab es nicht. Ich träumte von Schmerzmitteln, von leuchtenden Wesen, die fühlten. Ein schönes Gefühl.

Lehrjahre

Meine Erfahrungen wurden geteilt. In unten und in oben. Unten da war Feuchte, ich wußte nicht was Feuchte war, wie soll ich sie beschreiben, es war nichttrocken, trocken war oben, die Güsse perlten ab, was blieb war trocken, trocken war nichtfeucht. Beides war mir nur als Unterschied bekannt.

Eines Tages begann das Reißen nach oben. Etwas wuch aus mir und verdunkelte das Unten. Meine Träume teilten sich. Reißen nach oben, reißen nach unten, reisen nach oben, reisen nach unten.
Ich fühlte. Unbeschreiblich, ich war jung und sollte nichts erfahren, denn – ich war zum Verzehr bestimmt. Ich wußte nicht, was zum Verzehr bestimmt bedeutet. Manchmal durchströmten mich Energien, mir wurde dann so ekstatischelastisch; es schien von der Helle über uns auszugehen. Meinen Kameraden war nichts anzumerken. Sie trugen Zweige auf dem Kopf, mit Blättern daran, ich konnte sie kaum mehr erkennen, so dicht wuchs es um mich herum.

Ernte

An einem warmen Frühsommertag hat man uns alle skalpiert, von einer Maschine aus, einem stinkenden Riesen der uns überrollte, fünzig Retttiche hoch und zwanzig breit, es riss uns mit Gewalt heraus, führte uns hinweg, warf uns auf einen Wagen. Da hörte ich es zum ersten Mal, das Stöhnen und Wehklagen. Es tönte von überall her. Der Wagen war voll davon, ich war voll davon, es klang wie: Zu früh, zu früh, warum so früh? Ich hörte meine eigene Stimme, im Chor.
Man kippte uns auf einen eiskalten Rost, rüttelte uns, bepritzte uns mit scharfen Wasserstrahlen, setzte uns einem heißen Wind aus, sortierte uns an der Rampe….. ich muß in Ohnmacht gefallen sein.
Als ich zu dem bischen Ich zurückkam, fand ich mich in einem eiskalten Raum; in tiefer Dunkelheit.
Ich verlor das Bewußtsein und wurde von grellem Licht und Geschrei geweckt. „Tanja beeil`dich, wir machen gleich auf, bring`die Karotten und den Lauch. Ich nehme die Paletten mit den Rettichen. Die Erdbeeren müssen noch ausgelesen werden.“

Die Kiste roch muffelig. Dort lag ich zusammen mit meinen Brüdern. Es hatte uns die Sprache verschlagen, einige fingen wieder an, am Kopf zu bluten. Die Wärme, das grelle Licht, der Lärm, der Geruch, alles war fürchterlich. Doch das Fürchterlichste kam, nachdem sie die Türen öffneten. Ein Rauschen, das Trampeln von schwerfälligen Füßen, quietschende Räder, was uns überrollte war eine Welle aus Schweiß, Gekreisch und plumpen Händen, die uns begrapschten und bedrückten, bis wir nichts mehr spürten.

neue Herren

„Sonderangebot 99 Cent, der ist ja fast einen halben Meter lang. Sollen wir einen mitnehmen?“, erklang es über mir. Ich fühlte mich ergriffen und landete in einem rollenden Käfig, neben einem Petersiliensträußchen von bläßlichem Aussehen. Irgendwann wurde es dann ruhiger, wir bewegten uns weiter zwischen Schattenstreifen. Die Reise endete erneut in Kälte. In Kälte und Schwärze. Ich muß eingeschlafen sein. Ich merkte noch, wie alles dahinschwand, die Kraft im Inneren, die Erinnerung, alles verlor an Deutbarkeit, an Schärfe und Umriss.
Irgendwann zerrte mich eine Hand hervor; mir fuhr ein schneidender Schmerz durch das Bein. Ich schrie und schrie und schrie. Etwas wichtiges war fortgegangen und doch auch wieder nicht. Es tat sehr weh. In den nächsten Tage, Wochen, Monaten ? wirbelten Zeitalter voller Düfte, Farben, Stimmen vorbei, vermählten sich mit Träumen und realen Erfahrungen und radierten sich wieder aus meinem Bewußtsein.

Sinne des Lebens

In der Dunkelheit veränderte es mich. Ich kann es nicht besser beschreiben. Ich kam zu mir und wußte Bescheid. Über den klitzekleinen Anfang in der Schale, die gesegnete Schale, die uns beschützt, bis wir soweit sind und die sich selbst opfert und ich erinnerte mich an das Rad, das sich dreht und dreht und niemals den sieht, der es in Bewegung hält.
Und dann fühlte ich den Fährmann, ich fühlte das Rad, wie es mich bewegte, wie es mich drehte und aus der Schale trug und mitnahm. Und alles Leid verschwand, wie wenn es nie geschehen wäre.  Alles wurde wam und freundlich und ich begann zu leuchten. Und machte mich auf den Weg. Der Rest ist Geschichte……. .


lebende Träume

*

die Geschichte eines Sonderangebotes

Eigentlich sind wir keine Rettichesser, aber so viel Rettich für so wenig Geld, wir konnten nicht widerstehen. Wir kauften ein Prachtexemplar von schlankgleichmäßigem Wuchs und legten es zuhause in das Gemüsefach. Er passte gerade so hinein, quer, weiß, makellos perfekt. Am nächsten Tag probierten wir ein Stück. Was für eine Enttäuschung. Es schmeckte wässerigfade, nach nichts mit einem Nachhauch feuchter Erde. Selbst Salz verschwand in der Feuchte, ohne Eindrücke zu hinterlassen. Wir bereuten den Kauf und fühlten uns enttäuscht. Wir hatten uns täuschen lassen und brachten ihn zurück in sein einsames Fach. Man wirft keine Lebensmittel leichtfertig weg, aber die Erfahrung lehrt, daß Kühlschränke den Verfall nur eine bestimmte Zeit in Schach halten können. Diese Zeit gilt es zu beachten. Fast vergaßen wir ihn. Fast. Wir schoben die unbequeme Entscheidung weg, die Schublade blieb zu. Nach 14 Tagen entschlossen wir uns widerwillig, den Rettich auf den Kompost zu tragen.

Was für ein überraschender Anblick. Wo wir Schimmel erwarteten, war nichts dergleichen. Die Beinwunde sah sauber aus, aber das unglaublichste war der bleichgelbgrüne Schopf, der ihm aus dem Kopf gewachen kam, leicht schräg gekrümmt nach oben, Richtung Ausgang aus Nacht und Eis, Brüder zur Sonne, zur Freiheit. Der schwerverletzte 2/3 Rettich hatte ausgetrieben.

Er kann nicht ganz tot gewesen sein, die ganzen Tage hielt er diesen Rest von Leben fest, hielt diesen Funken im Inneren am Glühen, mit fünf Tröpfchen Luftfeuchtigkeit und drei Mal täglich acht Sekunden Bestrahlung durch ein 10 Watt Birnchen. Acht Sekunden eine 10 Wattlichtdusche, trotzdem konnte er Chlorophyll aufbauen Ein letztes Zucken, ein unkompostierbarer Triumpf des Willens lag in natura vor uns. Was sollten wir tun?

zu neuen Ufern

Wir mussten ihn hinaus bringen in den Garten, zwischen Radieschen und Lauch, an die frische Luft, an das Licht und wer weiß, vielleicht.. . Ach was, dachten wir, dummes Zeug, unmöglich. In die Erde eingepflanzt sollte er noch ein paar warme Tage in netter Gesellschaft verbringen. Bis zu seinem endgültigen Ende. Einmal in der Erde war er so unscheinbar, daß wir tagelang achtlos an dem Unauffälligen vorbei gingen.Wir dachten nicht mehr an die “Sache“. Der August machte uns träge. In dem Jahr regnete häufig diese beruhigende Art handwarmen und doch frischen Wassers aus dem Himmel. Der Garten überzog sich mit einer Decke aus kräftigen Formen und leuchtenden Tönen.

Aufbruch

Als wir ihn wieder entdeckten trug er eine Blattkrone, die von Tag zu Tag zunahm. Innerhalb von 14 Tagen erschienen dünne Zweige, mittlerweile 50 cm hoch, an deren Ende kleine Knospen aufbrachen, die weiße Blüten entließen. Aus denen sich jetzt Samen entwickeln, die, so er will, mit neuem Schwung ihren reservierten Platz auf dem Großen Karussel einnehmen werden, das uns alle Richtung Himmel dreht. „…denn da er nicht gestorben ist, so wird er aufgehen und leben ewiglich.“

31. August 2012


10. September 2012

14. September 2012

28. September 2012

28. September 2012

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