blühender Blödsinn 2.0

erschienen bei Paukenschlag am Donnerstag

Danke an Pa

Blühende Landschaften 2.0

Im Bundestag stehen, während ich das schreibe, Angela Merkel und Peer Steinbrück auf der Bühne. Ein Ritual. Eine Inszenierung.
Fast hätte ich diesen Paukenschlag „Rezitativ und Arie“ genannt, doch im Grunde bin ich froh, dass am Rednerpult des Bundestages nicht gesungen wird. Letztlich entspricht diese Debatte jedoch durchaus dem Stil der Großen Oper.
Das Orchester hat die Themen in der Ouvertüre längst anklingen lassen und dem Publikum in allen denkbaren Tonarten und Instrumentalisierungen nahe gebracht.

 

Das Bundesland Hamburg trägt im Bundesrat eine Gesetzesinitiative vor, die so unsinnig und überflüssig ist wie ein Kropf.

Dazu wurde extra ein neuer Begriff geboren, nämlich das

„Bestellerprinzip“.

Wer eine (Dienst-) Leistung bestellt, soll sie auch bezahlen.

Das klingt gut.

Wenn also z. B. ein Opernhaus einen begnadeten Tenor einlädt, während einer Tournee an drei Abenden da zu singen, dann soll das Opernhaus das auch bezahlen.

Wenn eine Zeitung eine Exklusiv-Story bestellt, und damit ein Sonderheft herausbringt, dann soll die Zeitung auch dafür bezahlen.

Wenn ein Versandhandelsunternehmen die Leistung von Transportunternehmen bestellt, dann soll dieses Versandhandelsunternehmen auch dafür bezahlen.

 
Noch besser klingt:

Der Eintrittspreis des Opernhauses darf für den Auftritt des Startenors nicht erhöht haben, denn die Besucher haben diesen Tenor ja nicht bestellt.

Das Sonderheft der Zeitung muss gratis abgegeben werden, denn die Leser haben diese Exklusiv-Story ja nicht bestellt.

Das Versandhandelsunternehmen muss grundsätzlich frei Haus liefern, denn seine Kunden haben die Leistungen von Post, DHL, UPS, und wie sie alle heißen, ja nicht bestellt.

Diese Konsequenzen haben die Hamburger natürlich nicht im Gesetzentwurf stehen.

Sie wollen lediglich erreichen, dass Mietwohnungsinteressenten, die sich an einen Makler wenden, diesem bei erfolgreicher Vermittlung keine Provision zu zahlen haben, weil der Makler ja vom Vermieter „bestellt“ wurde.

Und sie wollen vielleicht auch noch erreichen, dass Immobilienkäufer keine Maklerprovision zu zahlen brauchen, weil der Makler ja vom Verkäufer bestellt wurde.

Wie klingt das?

Das klingt SOZIAL!

Da tut die Politik endlich mal was Nützliches. Endlich wird die Wohnungssuche kostenlos! Hurra! Mieter werden massiv entlastet.

Gefährliche Augenwischerei.

Makler

Makler sind Vermittler zwischen Anbietern und Nachfragern. Beide wenden sich an den Makler, weil der Makler nicht nur eine Art „Marktplatz“ zur Verfügung stellt, auf dem sich Angebot und Nachfrage begegnen, sondern weil er zudem aktiv, aufgrund seiner Marktkenntnis, Angebot und Nachfrage bestmöglich zusammenführt.

Makler erbringen also durchaus nicht nur Leistungen für den Anbieter, sondern ebenso Leistungen für den Nachfrager.

Damit unterscheidet sich der Makler grundsätzlich vom Immobilienteil der Tageszeitung. Das Inserat dort hat der Anbieter gestaltet und bezahlt.
Kein Mitarbeiter der Anzeigenabteilung hat sich die Wohnung angesehen, kein Mitarbeiter der Tageszeitung wird Mietinteressenten sagen, welche Wohnung aus dem aktuellen Immobilienteil für ihn am ehesten infrage käme, niemand wird den Interessenten zu einer Besichtigung begleiten – das reine Angebot ist eine ganz und gar einseitige Angelegenheit – und dennoch: Der Interessent muss sich die Tageszeitung kaufen. Und die Tageszeitungen verkaufen immer noch etliche Exemplare mehr an den Tagen, an denen Mietangebote veröffentlicht werden, machen damit also ein zusätzliches Geschäft.

Maklerleistungen

Entgegen der weitverbreiteten Ansicht, alle Makler seien Betrüger, Halsabschneider und Großverdiener, kostet die Makelei dem Makler zunächst einmal viel Zeit und viel Geld. Und weil dieses Vorurteil weit verbreitet ist, meinen alle Jahre tausende von Menschen, das auch zu können und als Makler schnell reich zu werden. Doch eben so viele geben Jahr für Jahr wieder auf – und die meisten davon um einiges ärmer als sie vorher waren.

Der gute, erfolgreiche Makler verdient gut, weil er seinen Job gut macht. Weil er sich auf die Bedürfnisse und Anforderungen beider Seite einzustellen vermag und Angebot und Nachfrage so schnell und so präzise wie möglich zusammenbringt.

Der Aufwand, der dabei entsteht, einschließlich des Einkommens des Maklers, das sich aufgrund seiner Professionalität ergibt, sinkt nicht dadurch, dass die Nachfrage seine Dienste künftig grundsätzlich kostenlos in Anspruch nehmen soll.

Maklerverantwortung

Der Makler, der für Anbieter und Nachfrager tätig wird, ist neutraler Vermittler, der sowohl die Interessen des Anbieters als auch die Interessen des Nachfragenden zu wahren hat.

Wird der Makler ausschließlich vom Anbieter bezahlt, hat er auch ausschließlich dessen Interessen wahrzunehmen. Der Nachfrager wird also einem Makler gegenüberstehen, dem er – zu Recht – etwas mehr Misstrauen entgegenbringen muss als bisher, weil dieser sich ausschließlich dem Anbieter verpflichtet fühlt.

Provisionsfrei direkt vom Vermieter

Diese Formulierung wird aus den Angeboten vollständig verschwinden. War es bisher für den Vermieter eine Option, seine Wohnung ohne die Einschaltung eines Maklers anzubieten und seinem künftigen Mieter damit einen Vorteil zu verschaffen, wird ihm dies in Zukunft nicht mehr möglich sein. Sein Privatinserat wird sich nicht mehr von den Massen der Maklerinserate abheben, seine Chancen, eine Wohnung ohne Einschaltung eines Maklers zu vermieten, sinken damit rapide.

Er wird damit faktisch gezwungen, seine Kosten durch Einschaltung eines Maklers in die Höhe zu treiben.

Die Miete

Die Miete wird steigen. Wer bisher die Dienste eines Maklers in Anspruch nahm, hat in die laufende Miete nun die Kosten für die doppelte Maklerprovision einzurechnen.

Wer bisher keinen Makler in Anspruch nahm, hat nun ebenfalls die doppelte Maklerprovision in der Miete in Ansatz zu bringen.

Und weil der Vermieter nicht weiß, wie lange das einzelne Mietverhältnis halten wird, kann er diese Maklerprovision nicht auf einen Zeitraum von 10 oder 15 Jahren verteilen, sondern er muss damit rechnen, dass diese Kosten schon in drei oder vier Jahren wieder anfallen werden.

Was der langjährige Mieter also bisher dadurch spart, dass er nur ein Mal, zu Beginn der Mietzeit, seinen Anteil an den Kosten des Maklers trägt, dass wird ihm nun, auch wenn er die Wohnung über dreißig Jahre behält, alle paar Jahre über den Mietzins wieder in Rechnung gestellt, obwohl er gar keine Kosten verursacht.

Klingt es nun immer noch sozial?

Nein, gewiss nicht.
 
Es ist nichts als teure Kosmetik, die am Grundproblem des fehlenden preiswerten Wohnraums in Deutschland nichts ändert.

Bund, Länder und Gemeinden haben sich ja nicht nur aus dem Sozialwohnungsbau bzw. der Wohnungsbau-Förderung zurückgezogen, sie haben darüber hinaus ihre Wohnungsbestände zügig privatisiert und zum großen Teil an so genannte Heuschrecken verscherbelt.

Damit konnte sich „der Markt“ frei entwickeln und hat folgerichtig zu den Verwerfungen bei den Mietkosten geführt, die gerade in den Großstädten die Wohnungssuche zum teuren Abenteuer gemacht haben.

Dass Deutschland parallel dazu mit aller Macht in den „wettbewerbsfähigsten Niedriglohnsektor“ aller Zeiten umgestaltet wurde, hat selbstverständlich ebenso mit dazu beigetragen, dass die Mieten, im Verhältnis zu den Realeinkommen, da, wo es noch Arbeit gibt, ganz exorbitant in die Höhe geschossen sind.

Das ungezügelte Gewinnstreben der Energiekonzerne hat die Mietnebenkosten für Heizung und Strom in die Höhe getrieben, und die klammen Kassen der Städte, die im Standortwettbewerb gegeneinander ihre Gewerbesteuer-Quellen gedrosselt haben, haben zum steten und meist ungerechtfertigten Anwachsen der kommunalen Gebühren im Bereich Wasser, Abwasser und Müllabfuhr geführt.

Der Vorstoß Hamburgs im Bundesrat, diese insgesamt durch eine verfehlte Politik angerichtete oder zumindest begünstigte Misere mit einem Feigenblatt zu versehen, ist lächerlich.

Zudem ist das geplante Gesetz ein neuer Eingriff in die Vertragsfreiheit.

Es verändert die Arbeit der Makler soweit, dass der Begriff Makler schon irreführend ist, denn es handelt sich dann nicht mehr um eine Vermittlungstätigkeit, sondern um eine reine Vertriebstätigkeit.

Es benachteiligt Vermieter, die bisher ohne Makler vermietet haben – und damit indirekt gezwungen werden, ebenfalls „Vertriebsbeauftragte“ einzuschalten.

Es verursacht im Endeffekt höhere Kosten für die Mieter.

Außerdem würde es, sollte es sich beim „Bestellerprinzip“ um einen allgemein gültigen Rechtsgrundsatz handeln, wirklich dazu führen müssen, dass in Deutschlands Opernhäusern nur noch drittklassige Tenöre zu hören wären.

Und weil es genau die Leute sind, die Gesetze machen und von Gesetzen profitieren, die sich in den – wiederum von ihnen mit Subventionen bedachten Theatern – zumeist noch bei freiem Eintritt – von Startenören das hohe C vorträllern lassen, sollten sie schon aus Eigeninteresse darauf achten, das „Bestellerprinzip“ nicht weiter hochzuhalten.

Aber es klingt halt so schön sozial.

Und es bringt ganz bestimmt die Stimmen aller, die schon mal eine Maklerprovision bezahlt haben, und all derer, die in nächster Zeit eine neue Wohnung suchen, und sowieso schon nicht wissen, wie sie sie bezahlen sollen.

Dafür kann man doch nicht ganz und gar vergebens gesorgt haben, das muss sich doch irgendwann in dankbaren Wählerstimmen auszahlen.

Wird es auch.
Ganz bestimmt.

Der deutsche Michel ist nun mal für alles dankbar,
selbst für vergiftete Geschenke.

Quelle: Paukenschlag am Donnerstag, (Link zur Meldung in der FAZ)

 

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