Libyen: blutiger September

von John Schacher

Libyen wird derzeit von den verschiedensten innenpolitischen Schockwellen durchzogen und erschüttert. Den Tod des amerikanischen Botschafters Stevens immer noch relativ ungeklärt vor Augen, haben sich am Samstag in Benghazi tausende Demonstranten ein Herz genommen und die Zentralkaserne der „Ansar al-Sharia-Miliz“ überrannt und erobert. Vor die „Ansar al-Sharia“-Milizionäre schliesslich „um des Friedens willen“ in Richtung ihrer Heimatstadt Dherna flüchteten, kam es leider allein lt. Klinikberichten zu 6 Todesopfern und etwa 55 Verwundeten unter den Demonstranten.

Stunden nach den Vorkommnissen wurden von der Polizei ein wenig abseits der Kaserne 6 mit Kopfschüssen hingerichtete Milizionäre aufgefunden, die letztes Jahr in den Kampf gegen Muammar al-Quadhafi eingetreten waren.

Eine Gruppe von Demonstranten (höchst wahrscheinlich Grüner Widerstand) spaltete sich unterdessen vom Hauptteil ab und eroberte in einem verbissenen Gefecht eine weitere Basis, diesmal von der „Raf Sahati Allah-Brigade“ besetzt, wo sie 400 Gefangene/Folteropfer der berüchtigten Brigade befreien konnten und im Hochsicherheitsbereich der Anlage ein sehr großes Waffenlager vorfanden und umgehend plünderten. Die Söldner und Verräter der „Raf Sahati Allah-Milizen“ sind für 24 Todesopfer unter den Demonstranten verantwortlich, darunter Mohaned Barki (Bild). Die Milizen schossen mit schweren 14,5mm-Flugabwehr-Maschienengewehren in die Demonstranten.

 Zur Stunde haben die Milizen von Bengazi weitere 13 junge Libyer ermordet, um ihre Niederlage bei der gestrigen Stürmung ihres Hauptquartieres zu rächen.

Es ist bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt immer noch unklar, in welcher Beziehung der Grüne Widerstand tatsächlich zu den aktuellen Ereignissen steht, da die Jamahiriya-Generalität sich bislang nicht zu den Vorkommnissen geäußert hat. In diesem Zusammenhang empfehle ich einen ausgezeicheten englischen Artikel bei GlobalResearch, der bis zur Klärung der Hintergründe allerdings (leider nur) eine Hypothese darstellt, da wirklich harte Fakten fehlen.

Der NTC-Heeres-Offizier Faraj Ahmed aus Garyan, der Abdallah Senussi während seiner Auslieferung nach Libyen begleitete, wurde vom Grünen Widerstand in Benghazi getötet. Er ist im Film zu sehen, als er unmittelbar hinter Senussi den Helikopter verlässt.


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Doch wie immer sind die kriegerischen Ereignisse in Libyen nicht auf eine Stadt oder Region beschränkt, sondern es brennt an allen Ecken und Enden:

Misrata-Benghazi: Ein aus Söldnern und Verrätern zusammengesetzter „Rebellen“-Konvoi des „Souihli Saedoune Misrata“-Batallions bewegt sich Richtung Benghazi, um dort dem Battalion „Sahati Ansar“ gegen die Bevölkerung von Benghazi beizustehen, wird berichtet. Fraglich, ob das den „Rebellen“ noch nützt – sie werden hoffentlich zu spät kommen!

Tripolis: der Sprecher von General Khaled Akouri bestätigt den Fund von 6 Leichen von „NTC-Soldaten“, die mit Kopfschüssen hingerichtet wurden sowie das Verschwinden von Oberst Hamed Blkhir.

Die Barbareien in NTC-Folter-Gefängnissen gehen weiter. Erst gestern wurde wieder ein Gefangener im Ain Zara-Gefängnis ermordet.

Der als Verteidigungsminister fungierende Bandit aus Zintan erklärte im TV-Kanal Assima, dass er nichts mit den Ereignissen in Chatae Buraq (Brak) zu tun hätte und nicht in den Konflikt eingreifen würde.

Demonstranten sperrten die Straßen Achrine Ramadán und andere Straßen in Souk Jomoa nach dem Tod der „Rebellen“ aus Tripolis und Misrata in Chatae Buraq. Auch in der Region Ghot Chael (Trípolis) kam es zu Gefechten um das dortige „Rebellen“-Hauptquartier.

Brak oder Buraq: Dutzende Leichen von „Rebellen“ trafen in der Luftwaffenbasis Mitiga bei Tripolis ein. Die Toten starben in der Stadt Brak Chatae bei Gefechten mit der örtlichen Bevölkerung. Weitere Leichen befinden sich immer noch in der Stadt.

Bereits am vergangenen Mittwoch waren 80 Fahrzeuge mit einer internationalen bewaffneten Söldnergruppe aus Misrata im Wadi Shati (nordöstlich von Sabha) eingetroffen, um Jamahiriya-treue Libyer anhand einer schwarzen Liste festzunehmen. Die Schwester eines Gefangengenommen eilte aus dem Haus, worauf die Söldner ihr tödlich ins Gesicht schossen. Die Mörder behaupteten dabei, der libyschen Armee anzugehören.

Die jungen Männer der Stadt erteilten den Rebellen aus Misrata und Souk Jomoa daraufhin eine Lektion. Sie konnten sich auch deren Waffen bemächtigen, nachdem in einem Hinterhalt 16 Rebellen durch gut plazierte Scharfschützen eliminiert und mehr als 50 gefangengenommen werden konnten.

Am Freitagmorgen gegen 5 Uhr erreichten weitere internationale bewaffnete Gruppen Brak (Alqaeda und Konsorten), um mehrere junge Leute festzunehmen, welche die Invasion nicht akzeptieren. Sie erklärten hierzu eine Liste mit mehreren Hundert Personen abarbeiten zu wollen. Die Familien versuchten ihre Kinder zu verteidigen, worauf sich schwere Auseinandersetzungen mit 17 toten Agressoren entwickelten. Die Leute aus Brak nahmen auch die Insassen von drei vollbesetzten Fahrzeugen gefangen. Da die Kämpfe zwischen der „Rebellen“-Übermacht und den Leuten aus Brak derart lange andauerten, steht tätige Hilfe seitens des Tbawe-Stammes (Beduinen) zu vermuten.

Auch waren die Scharfschützen derart gut plaziert, daß man von libyschen Ex-Armeeangehörigen ausgehen kann. Die „Rebellen“ trafen daraufhin die „Entscheidung“, sich aus der Stadt zurückzuziehen und ihr Lager im Ort Temenhinte aufzuschlagen, von wo aus sie weiter flüchteten. Die Bewohner gehen von einer baldigen Rückkehr der „Rebellen“ aus, sind aber bereit, sich zu opfern.

Bani Walid: Libyen’s Übergangs-Präsident hat die von zur Jamahiriya loyalen Kämpfern kontrollierte Bergstadt besucht und um Versöhnungsgespräche betreffend einer Reintegrierung in den Rest des Landes gebeten. Bani Walid, eine Stadt mit mehreren 100,000 Einwohnern 90 Meilen südöstlich von Tripolis, war die letzte Hochburg der Quadhafi-Getreuen und fiel im Oktober 2011 kurz nach dem Tod des Führers, der von Revolutionären ermordet wurde…

Die Bewohner berichten, daß Bilder von Quadhafi z.B. während Hochzeiten in der Öffentlichkeit gezeigt werden. Die Städter hissen selten die neue dreifarbige Flagge, durch die jene von Quadhafi ersetzt wurde, die Studenten weigern sich die neue Nationalhymne zu singen und die Lehrer widersetzen sich den neuen, überarbeiteten Lehrplänen.

Zawiya: bei einem Angriff bewaffneter Einheiten mit Granatwerfern und dem Ergebnis 24 toter Söldner sowie vieler weiterer verletzter Milizionäre wird ein Bandenkrieg als Hintergund vermutet.

Schwarze Liste USA/NATO: die Libyen-Agressoren fordern weiter die Auslieferung aller Libyer, die irgend etwas mit der Jamahiriya zu tun hatten. Dieser Tage erst hat die neue libysche „Regierung“ von Ägypten die Auslieferung einer Reihe von Libyer(innen) gefordert, die sich ins Nachbarland geflüchtet hatten und nun dort leben. Die betreffende Liste enthält keinerlei Angaben zu Vorwürfen gegen diese Personen. Einige der Gesuchten sind:
Mohammad Ismail: Privatsekretär von Saif al Islam Quadhafi
Khalet Mohammad Tuhami: Ex-Chef der inneren Sicherheit
Algabow Bouzid: Direktor des Militär-Geheimdienstes
Mohamed Abdel Gawad: Chef der Bank Arabiens
Abdel Salam Sadeq: Ex-Konsul von Libyen
Abdel Moneim Alhawani: Repräsentant Libyens in der Arabischen Liga
Kozav Atallah: Beamter für Medienkommunikation mit dem Ausland
Abdullah Mansoul: Chef der Firmengruppe „Unterhaltungs-Radio“
Khalifa: libyscher Geschäftsmann
Minister der Jamahiriya-Regierung:
Karpa Nasser: Innenminister
Ali Trki: Minister für auswärtige Beziehungen
Al-Tayeb Safi: Wirtschaftsminister
Mohammad Hijazi: Gesundheitsminister
Bou Craa: früherer Elektrizitäts-Minister und späterer Funktionär im Ministerium für auswärtige Beziehungen mit arabischen Staaten.

Die Liste ist noch viel länger,… es ist sehr wichtig niemals zu vergessen, dass dies keine Angelegenheit von Libyern gegen andere Libyer ist, sondern ein Komplott des Westens, welches in abendländischen Büros erarbeitet und geplant wurde, um alle Reste des Jamahiriya-Systems zu beseitigen.

In den internationalen Medien wird zur Zeit alles unternommen, um die Unruhen in Libyen auf eine von Staats wegen angeordnete und unterstützte, nahezu planmäßige Entwaffnung von Milizen abzustellen. Die Aktionen des Grünen Widerstandes sollen hierbei ebenso totgeschwiegen werden wie der Terror der „Rebellen“-Greifkommandos mit ihren schwarzen Listen und die Foltergefängnisse in Misrata und andernorts.

Fazit: Der Grüne Widerstand zeigt also nach Monaten der schlimmsten Verfolgung weiterhin stabile und von breiter Öffentlichkeit gedeckte Aktivitäten, denen die machtlose NTC-Regierung nahezu nichts entgegenzusetzen weiss. Jedoch steht eine schließlich doch noch stattfindene US-Invasion zur „Stabilisierung“ Libyens immerzu als drohender Schatten im Raum.

5 Gedanken zu „Libyen: blutiger September

  1. Gut mal wieder einen Überblick zu erhalten, weil ich seit Monaten eigentlich gar nichts zuverlässiges mehr mitbekomme.
    Den Artikel auf GL würde ich mit Vorsicht genießen.
    Er stellt nur eine Vermutung auf und die ist nicht besonders helle.
    Es macht keinen Sinn Botschaftspersonal zu töten, es ist jederzeit austauschbar. Es wäre eine Racheaktion, die darüber hinaus keinen Sinn macht.
    Botschaftsgelände müssen sichere Orte sein!
    Wichtigster Sinn einer Botschaft ist die Kommunikation zwischen Staaten zu gewährleisten. Das brauchen die Leute auch, wenn sie die Jamahirija wieder errichten. In den meisten Fällen ist die Botschaft noch aktiv zwischen 2 Staaten, die sich im Kriegszustand miteinander befinden.
    Eine Botschaft ist Territorium des Staates, den sie vertritt. Wir hatten ja jetzt erst das Beispiel mit London/Equador.
    Die Briten konnten an die Kandare genommen werden, als sie den internationalen Konsens der Unverletzlichkeit der Botschaft brechen wollten, weil es ein Schritt in Richtung einer Anarchie ist, die jede minimalste Rechtssicherheit gefährdet, ohne die das friedliche Zusammenleben der Staaten unmöglich wird.
    Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Leute vom Grünen Widerstand sich der Sakrosankts von Botschaftsgeländen bewusst sind.
    Bisher waren nur die AMIs barbarisch genug, Botschaften anzugreifen, aber auf deren Stufe erniedrigt man sich nicht.
    Ich denke, gerade den Libyern ist das klar, da ja mit NATO-Unterstützung mehrere libysche Botschaften zuletzt randaliert wurden.

    1. @ Johannes
      Der US-Komplex in Benghazi war keine US-Botschaft, sondern nur ein während des Aufstandes angemieteter gesicherter Villenkomplex, der immer noch einem Libyer gehört. Es gibt nur eine US-Botschaft in Libyen, die in Tripolis. Konsulate betreiben die USA in Libyen nicht. Also war es eine gehörige Täuschung der MSM, global von einem Überfall auf die „US-Botschaft“ zu titeln. Ich habe bisher nicht deutlich genug auf diesen Umstand hingewiesen, sorry! Auch war einer der getöteten beiden Marines speziell mit der Aufspürung der verschwundenen SAM-7 Manpads betraut und man vermutet diese Angelegenheit als Hintergrund des Benghazi-Besuches der Amerikaner.
      Dass auch noch das „Safe-House“ (nachrichtendienstlich organisiert) verraten wurde und die dortige Wachmannschaft geschlossen floh, ist ein weiteres Highlight. Meine Vermutung ist hier nach wie vor die geplante Tötung von Stevens, um sein Wissen um die Planung und Ausführung der „Revolution“ sowie vieler (US-)Kriegsverbrechen endgültig loszuwerden. Man liebt den Verrat, aber nicht den Verräter…

  2. jo sagt:
    „Meine Vermutung ist hier nach wie vor die geplante Tötung von Stevens, um sein Wissen um die Planung und Ausführung der “Revolution” sowie vieler (US-)Kriegsverbrechen endgültig loszuwerden. Man liebt den Verrat, aber nicht den Verräter…“

    Das ist doch Mumpitz! Stevens ist weg und somit das Geheimnis gesichert? Mehr Mitwisser gab es nicht? Du schreibst Sachen…

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