Libyen 2011: die blutige ­Meerjungfrau

es war einmal…

von Hartmut Beyerl

Der Fall von Tripolis war nicht das Ergebnis eines Volksaufstands, sondern einer Operation von NATO-Spezialkräften. Am Ende besiegelte ein Überläufer das Schicksal der libyschen Hauptstadt.

17. Juli 1936. «Über ganz Spanien wolkenloser Himmel». Nach Ausstrahlung dieser Parole im Rundfunk beginnen Generale den monatelang geplanten Putsch gegen die spanische Republik. Massive Luftangriffe der italienischen und deutschen Faschisten auf das Land folgen.
20. August 2011. Überfall der NATO auf Tripolis. Die «Operation Mermaid Dawn» beginnt mit einem vom Fernsehen gesendeten Erkennungszeichen.

Am 30. März 2011 geht der Sender Libya al Ahrar (Libya TV), die «Medien­front der libyschen Revolution» in Doha/Katar auf Sendung. Betrieben wird er von dem seit 1976 im Exil leben­den Libyer Mahmud Shammam, der in den USA studierte und für das US-Magazin Newsweek arbeitete.

Am Nachmittag des 20. August 2011 strahlt Libya TV eine Rede von ­­Musta­fa Abd al Dschalil, dem Chef des Übergangsrats der Rebellen (National Tran­sition Council NTC) in Bengasi «an die Bewohner von Tripolis» aus: »You have to rise to the event», etwa «Ihr müsst euch erheben». Um 20.30 Uhr, als die Bewohner nach dem Fastenbrechen zu den Moscheen strömen, sendet Libya TV das Signal zum Überfall. Der Nachrichtensprecher verabschiedet sich: «Wahrlich, wir haben Euch den klaren Sieg gewährt.»

Ein bekannter Koranvers; doch in dieser Nacht ein Angriffssignal. Sofort begeben sich Mitglieder von Terrorzel­len auf die Straßen und greifen Kontrollposten und neuralgische Punkte der Stadt an. Eine Gruppe der von der NATO euphemistisch «Rebellen» genannten Killer besetzen die Ben-Nabi-Moschee im Stadtzentrum. Über die Lautsprecher beginnen sie Anti-Gaddafi-Gesänge, um den Beginn der Operation «Mermaid Dawn», den Kampf um Tripolis anzukündigen. (Tripolis wird wegen der Lage am Meer im Arabischen auch «Meerjungfrau/­Mermaid») genannt. Al Qaida zuzurechnen­de Algerier, Tunesier und Ägypter, die in den letzten Tagen in die Stadt einsickerten, eröffnen das Feuer auf die ­Liby­er. Andere besetzen das TV-Sendegebäude an der Alshat Road, das si­chert die Medienhoheit.

Die erste Phase von «Mermaid Dawn» hatte jedoch schon Stunden ­früher mit dem Angriff britischer Tornados auf die Kommunikationseinrich­tungen der Regierung begonnen. Prä­zisionslenkwaffen vom Typ Raytheon Paveway IV zerstörten den Sitz des Geheim­dienstes, Panzer, Artillerie, Flugabwehrgeschütze und Führungsstellen der Armee. An diesem Tag werden 46 Luftangriffe mit Brimstone Luft-Boden-Raketen geflogen.
SAS- und MI6-Offiziere hatten in Ben­gasi seit zehn Wochen am Angriffs­plan gearbeitet. Die taktischen Vorgaben der britischen Experten für die Rebellenführer liefen darauf hinaus, einen «Aufstand» in Tripolis auszulösen, der als Anlass für die NATO dienen kann, in die Stadt vorzustoßen. Schon seit Februar 2011 gingen MI6 und SAS-Männer in die Rebellenhochburg Bengasi, getarnt als Journalisten. Für CNN und BBC eine übliche Praxis. Die liby­sche Regierung ließ sie gewähren, obwohl ihre Identität bekannt war.

Die Planung der Operation nach dem Muster des Trojanischen Pferdes fand unter strengster Geheimhaltung statt. Federführend waren die SAS ­Special Forces, die britischen Sonderein­heiten, vor allem deren 22. Regiment. Seit April/Mai wurden in Bengasi junge Leute, auch aus Tripolis, von Ausbildern der SAS, aber auch aus Frankreich, Katar und den Emiraten im Straßenkampf und in Sabotage trainiert. Sie kehrten danach als Fischer getarnt über das Meer oder von Westen her durch die Berge nach Tripolis zurück.

Fadlallah Harun, der Sprecher der Rebellen, berichtet, viele der Schläfer hätten auch in den Städten westlich von Tripolis, wie Zintan und Zawiya, auf die Stunde Null gewartet. Andere holten sich ihre Instruktionen im ­Operations-Zentrum der libyschen ­Rebellen im tunesischen Dscherba und gingen dann zurück, um in den ­Bergen von den NATO-Ausbildern und Geheimdienstleuten den letzten Schliff zu bekommen. Sie schmuggelten Satel­liten­­telefone und übten den Gebrauch von Codes. Sie begannen in den Seiten­­gassen von Tripolis weitere Kämpfer auszubilden. Am 20. August ­spielten sie eine wichtige Rolle bei der Über­mittlung von Zielkoordinaten an die NATO-Kommando-Stellen während hunderter Luftangriffe.

Die Beschaffung von Waffen war für die Schläfer und Kollaborateu­re unproblematisch. Die libysche Regierung hatte bereits, wohl blauäugig von der Treue des ganzen Volkes zu Gad­dafi überzeugt, bis zu einer Million leichte Waffen verteilt und für alle Trainingsprogramme ins Leben gerufen. Weitere Waffen wurden von arabischen und europäischen Alliierten unter Bruch der UN-Sicherheitsrats-Resolutionen 1970 und 1973 geliefert.

20. August 2011. Der Überfall sollte Gaddafi unvorbereitet treffen. Der Rebel­­­lenrat hatte im Vorfeld verbreitet, seine Truppen müssten sich erst sammeln und reorganisieren, bevor sie Tripolis attackieren. Doch die Angreifer stießen ohne Verzögerung nach ­Tripolis vor, während britische Tornados und Typhoons Luftangriffe auf markierte Ziele ausführten. Ausschlaggebend waren offenkundig US-Drohnen­attacken auf neuralgische Punkte der Stadt. «Hunter-Killer»-Drohnen gewähr­leisteten die flächendeckende und ­ununterbrochene Überwachung. Die Luft­angriffe wurden von Zielzuweisern am Boden gesteuert.
Und dann kommt um 20.30 Uhr das Zeichen zum Angriff. Eine Sturmabteil­ung – über das Meer aus Misrata kom­mend – erreicht Tripolis und entlädt Kämpfer, die sich mit Schläfer-­Zellen in der Stadt vereinigen. Mindes­tens ein NATO-Kriegsschiff landet schwere Waffen an. Währenddessen greifen französische und britische Heli­kopter von der Seeseite an. Die ­Zahlen über die Beteiligten und deren Nationalität schwanken noch.

Doch über­ein­stimmend berichten die unterschiedlichsten Quellen von ­briti­schen, fran­zösischen, katarischen, saudischen und einheimischen Söldnern. Allein 700 sollen von der ­Fremden­legion ausgebildete Libyer sein. Navy Seals, SAS-Leute und Fremdenlegionäre sollen sich als Rebellen verkleidet und direkt mitgemischt haben. Der ­britische Außenminister William Hague bestätigt später immerhin, seine Regie­rung habe die Rebellen mit kugel­sicheren Westen, moderner Kommu­nikationstechnik und mit Nacht­sichtgeräten ausgerüstet.

Rebellensprecher Harun behauptet später, es seien nur 150 Schläfer gewesen, die innerhalb Tripolis aktiv wurden, dazu seien 200 Männer aus Misrata gekommen. 350 Rebellen sollen eine Millionenstadt unter ihre Kontrolle gebracht haben? Verstreut, in Turnschuhen und mit Kalaschnikows? Es liegt doch auf der Hand: Ohne NATO-Landungstruppen und die Luft- und Seeunterstützung hätten sie keine Chance gehabt.

Aber letztlich war der Fall von Tripo­lis auch nicht das Werk der NATO-Spezialkräfte, sondern von Verrätern. Offenbar gab es einen Deal mit dem Führer der Mohammed Megrayef-Brigade, Mohammed Eshkal, der mit seinen Einheiten für den Schutz der Zugänge nach Tripolis verantwortlich war. ­Esh­kal zog seine Leute von einer Vielzahl der Checkpoints ab. Er hegte a­ngeblich einen tiefen Groll gegen Gaddafi, da ­dieser vor 20 Jahren die Tötung seines Cousins angeordnet hätte. Fathi Baja, vom politischen Komitee des Rebellen-Übergangsrates: «Eshkal interessierte sich nicht für die Revolution. Er wollte persönliche Rache an Gaddafi, und als er die Chance sah, ihn fallen zu sehen, ließ er es geschehen.»

Im Laufe der nächsten Stunden werden über die Lautsprecher der ­Mo­scheen von Saboteuren Aufnahmen von Gefechtslärm und Bombardements abgespielt, um den Eindruck zu erwecken, es gäbe überall heftige Kämp­­fe. Am nächsten Tag, dem 21. ­August – die Kämpfe toben in der Hauptstadt, doch sie ist noch unter weitgehender Kontrolle der Regierung –, verkünden die Medien, Gaddafis Söhne Saadi, ­Mohamed und Saif seien ge­fangengenom­men worden. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag beharrt darauf, er verhandle bereits über die Auslieferung. Allein diese Meldungen über die Gefangennahme der Gaddafi-Söhne habe den Rebellen einen erheblichen politischen und ­mili­tärischen Vorteil verschafft, verkünde­te später der Chef des Übergangsrats, Mahmud Dschibril. In dieser Situation versucht Saif al Islam zu retten, was zu retten ist, und vollbringt ein Husarenstück, das in die Mediengeschichte eingehen wird. Er erscheint in den Morgenstun­den des 22. August strahlend und ungeschützt mit einem ganzen Konvoi von Fahrzeugen und Kämpfern vor dem Rixos Hotel und fährt mit Journalisten in seinem Landcruiser nach Bab al Aziziya; neben ihm sitzt ­Matthew Chance von CNN. Saif lässt so die NATO-Medien ihre eigene Behauptung widerlegen, Tripolis sei unter Kontrolle der NATO. Es erweist sich: Alle genannten Gaddafi-Söhne sind frei! Im Laufe der nächsten 24 Stunden wirft die NATO ihre gesamte Maschinerie in die Waagschale, um das Blatt zu wenden. Immer neue NATO- und Al Qaida-Allierte kommen in die Stadt, durchkämmen Haus für Haus und wüten grausam. Noch fast eine Woche leisten die Verteidiger erbitterten Widerstand. Dann ist Tripolis unter Kontrolle der NATO. Gaddafi geht mit seinen ­Söhnen in den Untergrund.

Die westlichen Medien bejubeln die Befreiung. Wie es tatsächlich vor Ort aussieht, berichtete Alex Crawford, Reporter des britischen TV-Senders Sky News, nach dem Rebelleneinmarsch in Zawiyah: «Es wurden Men­schen mit halb abgeschossenen Köpfen eingeliefert und Menschen mit abgeschossenen Beinen. Einer von ­ihnen war im selben Alter wie mein Sohn. (…) Wir geben es wieder, wie wir es sehen. Wir haben Armee-Angehö­rige, Gaddafi-Kämp­fer gesehen, die ge­fesselt und hingemordet wurden. Das ist Krieg.»
Über ein Massaker nach der Erstürmung der Gaddafi-Residenz Bab al Aziziya in Tripolis können auch die ­großen Nachrichtenagenturen nicht mehr schweigen. Reuters-Berichterstatter zäh­len 30 Leichen, «von Kugeln durchsiebt». «Einige von ihnen haben die Hände mit Plastikfesseln ­zusammengebunden», berichtet AP. Und weiter: «Die Identität der Toten bleibt unklar, aber höchstwahrscheinlich sind es es Aktivisten, die ein Zeltlager in Solidarität mit Gaddafi außerhalb seines Anwesens errichtet haben, um dem NATO-Bombardement zu trotzen.»

Seit Ausbruch der Kämpfe im Februar bis zum Untertauchen Gaddafis sind nach Angaben der Rebellen 50.000 Libyer getötet worden, nach ihrer ­Darstellung von regimetreuen Kräften; Gaddafis Regierungssprechers Moussa Ibrahim sprach, allerdings noch vor dem Fall der Hauptstadt, von 40.000 Toten, die auf das Konto der NATO und der Rebellen gingen. Allein in der Nacht vom 20. auf den 21. August ­sollen in Tripolis demnach 1.300 Menschen Opfer der Bombardierungen und Kämpfe geworden sein.

Quelle: COMPACT-Magazin

Kommentar: das ist Qualitätsjournalismus, der Standards setzt! Fakten, Fakten, Fakten… Danke, Hartmut Beyerl!!


2 Gedanken zu „Libyen 2011: die blutige ­Meerjungfrau

  1. Russland ist nun seit Mittwoch Teil der WTO, was besonders dem TheCityUK-Lobbyverein der City of London gefällt (vgl. Politaia.org-Beitrag “London City begrüßt WTO-Beitritt Russlands” vom 22.08.2012). Was kann das nun heissen? 1. Hier wird doch die “BRD” (da eh nur Vasallenstaat) einfach umgangen. 2. Der pro-anglo-Ackermann schafft die finanziellen und vertraglichen Rahmenbedinungen zur NWO. 3. China wird dadurch geschwächt. 4. Es kann m.E. weiter als ein indirektes Zugeständnis und als Freibrief verstanden werden, dass Russland bei den Nato-Angriffskriegen außen vor bleibt und als Gegenleistung seine Resourcen mit der City teilt und mit den Angriffskriegen auf Syrien und Iran einverstanden ist unter Teilhabe der Kriegsbeute.

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