Hensel´s Sonntagsmatinee: wenn der Reiseführer abrät….

von Hans-Peter Schröder

Mallorca, Satellitenaufnahme aus wikipedia

 

Die Insel Mallorca, als ein Teil des balearischen Archipels, gehört zu Spanien und genießt den Status einer autonomen Gemeinschaft. Die abseits der Urlauberparadiese bezaubernd vielfältige  Insel liegt im Mittelmeer, vor der spanischen Küste. Sie ist von der Größe her relativ übersichtlich und wird jedes Jahr von cirka acht Millionen Besuchern geflutet.

Teile der Insel befinden sich in privater Hand, Einheimische, zugezogene Spanier, Ausländer, abgelegene Häuser wie kleine Festungen, Privatbuchten, uneinsehbar, weg von der Strassse, abgeschirmt. An einigen Stellen kann man nicht anhalten, es gibt Mauern, gesperrte Wege, Privatstrassen und Zäune. Mallorcas Problem und das Problem freilaufender Besucher sind die Zäune. Mengen von Zäunen. Zäune umgrenzen abgeschlossene Gebiete und mancherorts lässt sich die Küste nicht erreichen, weil ein Zaun den Weg abtrennt. Manchmal kann man nicht aus dem Auto aussteigen, vor lauter Zäunen, einspurig, rechts Zaun, links Zaun, kein Seitenstreifen. Die Insel scheint fest in fester Hand zu sein. Ab und zu hört man von Skandalen und vergißt… .

In der Saison landen und starten die Flugzeuge im 10-Minuten-Takt. Auf einen Einwohner kommen zehn Touristen, die sich fast alle in den südlichen Küstenabschnitten sammeln, um dort ihre Rituale abzuhalten. Außerhalb bleibt das Land malerisch pittoresque unberührt. Zeitlos und selbstvergessen.

Wenn man die Küstengebiete und die Leuchtreklamen verlässt, erschliessen sich andere Aspekte der Insel. Die megalithischen Überreste, Bergbaurelikte, unberührte, wilde Buchten, die Salzgärten, die Berge, der große Raimundus Lullus…., die schattigen Winkel, der Herzschlag träumender Dörfer, botanische Gärten, schmale Pfade auf schwindelnder Höhe, Hütten am Wegesrand, die Felder und Plantagen mit ihren kilometerlangen Mauern aus Bruchsteinen. Eine andere Zeit, ein ruhiges Leben, Zeit und Mauern.

 

Was sich lohnt

Mallorca im April, mildes Wetter, ein Ort, deutsch bis in die Speisekarten und fünf Tage Zeit. Wir mieten ein Auto und fahren los, kreuz und quer, im Handgepäck einen Reiseführer, der uns sagt, wo welche Kirche zu besichtigen sei und an welchem Tag im Mai das berühmte Festival stattfindet. Am Ende des fünften Tages sollen wir gegen 19 Uhr das Auto abgeben und befinden uns auf dem Rückweg. Gemütlich und eher unwillig… . Wir beschließen den Tag mit einem letzten Besuch am Meer zu beenden und träumen von einem kleinen Strand und einem Spaziergang, barfuß durch das flache Wasser.
Die Karte zeigt eine schmale Strasse in der Nähe, die direkt zur Küste führt und ein Wegweiser sagt: 6 Kilometer.
Die Strasse verliert sich schnurgerade zwischen Kalksteinmauern zum Horizont. Keine Abzweigungen, keine Seitenwege. Mauern und einige Olivenbäume dahinter, später Kiefernwälder. Die Strasse zieht unverändert dahin. Minute um Minute. Wir werden unruhig und greifen zum Führer, um vielleicht etwas über unser Ziel zu erfahren. Der Führer spricht: „Nach 6 Kilometern erreichen sie das Cap de ses Salines. Die Wälder beiderseits der Straße sind eingezäunt und gehören zum Besitz der Grafen von ….. Betreten verboten. Am Ende der Straße befindet sich ein kleiner Leuchtturm. Cap de ses Salines ist eigentlich keinen Besuch wert.“ Cap de ses Salines ist eigentlich keinen Besuch wert. Keinen Besuch wert?

Wir fühlten uns getäuscht, andererseits ist es nach vier Kilometern zu spät zum Umkehren, also weiterzufahren. Am Ende der Straße stehen beiderseits einige Autos, der Leuchtturm bleibt unsichtbar zwischen den Kiefern. Der Wind bläst kräftig landeinwärts und am Saum des Meeres bewegen sich Leute zwischen den Felsen. Irgendwie kommt es uns ein bischen zu leise vor. Sie unterhalten sich nicht so laut, wie Spanier üblicherweise miteinander reden.

Dann bemerken wir es. Die Leute sind beschäftigt. Die Küste hinab stehen Türme am Strand, hundert, vielleicht mehr, bis zu zwei Metern hoch, von winzig bis extravagant, von Architekten und von Gelegenheitsbaumeistern errichtet.

Aus den Felsen des Strandes aufgetürmt, ohne Mörtel und ohne Richtschnur. Und dazwischen bewegen sich die Besucher und reagieren bewegt. Still, fast scheu, beeindruckt. Und da und dort beginnen sie ihr eigenes Andenken zu errichten, in völliger Freiheit in das große Werk eingebunden.

Wer hat damit angefangen, wer ist der Erste gewesen? An den Türmen ist es nicht fest zu stellen. Wer war der erste Statiker? Wir wissen es nicht. Aber es fing mit einem Ersten an und jetzt haben andere ihre Spuren hinterlassen, die daran teilnehmen und mitbauen, an einem Werk des Lebensgefühls. Und der zeitlosen Freude. Dem sie ihren eigenen Ausdruck einfügen. Ohne Führer und ohne, daß sie jemand anleitet. Die Macht der Inspiration am Werk. Es ist machbar. Wenn man nicht alles den Führern überlässt… .

Steine gibt es überall. Gelegenheiten gibt es überall. Wir beginnen zwischen den Felsen zu suchen.

Anmerkung: bitte die Bildqualität zu entschuldigen, es handelt sich um die Scans älterer Dias.

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