Hensel´s Sonntagsmatinee: Das befreite Stolberg

von Hans-Peter Schröder


Das kleine Städtchen Stolberg bei Aachen, liegt in einem braunen Sumpfgebiet innerhalb der befreiten Zone, sagen seine Feinde. Daß es nur über Knüppeldämme zu erreichen sei, ist ein zweites Gerücht, das verhindern soll, daß Reisende einen Abstecher nach Stolberg machen, pardon, daß Touristen sich den Ort und seine Umgebung näher anschauen.

Das mit dem Sumpfgebiet enttarnt sich beim Näherkommen als böswillige Behauptung, allerdings muss man Mut aufbringen und darf sich von Warnschildern nicht beeindrucken lassen. Die Stolberger sind, wie viele Eifelbewohner, arbeitsam und friedfertig und sie sind scheu, fast wortkarg. Dies hat vielleicht auch mit den Schildern zu tun. Wenn man zufällig in der Nähe ist, sind die Schilder als hausgemachte Sehenswürdigkeit einen Abstecher wert. Ein eindringliches Selbstzeugnis. Von wem auch immer. Leider sind sie nicht signiert.

Vielleicht verbirgt sich hinter diesen aussergewöhnlichen Schildern der Grund für das Gerücht von den Knüppeldämmen, die, angeblich, in ein Sumpfgebiet führen.

Die Stolberger haben also ihre Stadtein- und ausgänge mit Schildern vermint. Doch wer ist der Feind? Und wieso sucht man in anderen Gemeinden diese Art Schilder vergebens? Leider war kein Einwohner bereit, Fragen zu beantworten, weder hinter vorgehaltener, noch vor hintergehaltener Hand. Auch kleine Geldsummen, Kugelschreiber, Notizblöcke, Einmalfeuerzeuge oder bezahlte Blankolottoscheine, mit denen wir in vergleichbaren Situationen gute Ergebnisse erzielt hatten, stießen in Stolberg auf Desinteresse. Ob es am örtlichen Wohlstand liegt, wagen wir zu bezweifeln, denn Touristen sah man kaum bei ihnen……. .

Und dabei liegt Stolberg günstig in reizvoller Landschaft, vor den Toren eines schönen Waldgebietes……

Wir sind also auf uns allein gestellt und wehrlos Spekulationen ausgeliefert, was die Interpretation der chiffrierten Botschaft auf den Ortsschildern und was deren Urheber betrifft. Die haben schließlich Geld gekostet und der Slogan „Stolberg hat keinen Platz für Rassismus“ ist vielschichtig. Keine Hinweistafel erteilt Belehrung oder gibt Auskunft, wer oder was damit gemeint sein könnte, oder wie der, die, das Rassismus aussieht. Besucher sind auf die eigene Intuition angewiesen.

Handelt es sich vielleicht um einen Klageruf, den Hinweis auf einen Notstand, einen Mangel, einen verkapselten Spendenruf an die vorgesetzte Kreisbehörde? Daß derartige Schilder in Nachbargemeinden nicht anzutreffen sind, könnte bedeuten, daß diese Flecken bereits ihre Plätze haben, somit durch das Aufstellen der Stolberger Protestschilder einer Ungleichbehandlung Ausdruck verschafft werden soll, im Sinne von ´Wir wollen ebenfalls einen „Platz für Rassismus“ haben.`

Und was wäre so ein „Platz für Rassismus“? Ein öffentlicher Platz, zentral gelegen, mit einem Schild auf dem steht „Platz für Rassismus“?, löblich, löblich, aber wozu? Oder sollte ein Plätzchen, ein Eckchen gemeint sein, eine Art Speakers Corner zur freien Auslebung von Rassismus? Was ist dieser Rassismus eigentlich, der so bedeutend daherkommt, daß ihm Strassenschilder errichtet werden? Verwirrend.

Oder wollen die anonymen Spender mit den Minenschildern etwa ausdrücken, in ihrer Stadt würde dieser ominöse Rassismus sofort verjagt, wenn er sich der Stadtgrenze nähern sollte?

Das schmeckte denn doch gewaltig nach „Rassismus, Betteln und Hausieren verboten“. Leider gibt es Indizien, die eine diesbezügliche Auslegung stützen; sie finden sich in den folkloristischen Begleitprogrammen, den Initiativen, Märschen und Projektwochen der Gegen-Bewegung, die in Stolberg regelmässig organisiert werden. Siehe http://www.aachener-zeitung.de/lokales/stolberg-detail-az/1644537 Angeblich gegen den Rassismus. Weh` dem, der da abseits steht.

Sogar Kinderchen und Kirchen machen dabei mit. Die Schilder signalisieren exakt, was die Inschrift wortreich bestreitet: In Stolberg herrschen Ausgrenzung und latenter Rassismus. Ein ernstes Problem, das die Stadt alleine nicht in den Griff bekommen wird. Wir schlagen eine neue, eine revolutionäre, eine erprobte Taktik vor: Probiert es mit Versöhnung.

Vor den Toren Stolbergs liegt der Hürtgenwald, der Gerechte. Still, so still bedeckt er Freund und Feind. Auf 140 km² Fläche ruhen geschätzt 50.000 Tote des 2. Europäischen Krieges.


Probiert es mit Versöhnung, ihr Stolberger. Dazu müsst ihr euch allerdings aufraffen, vom bequemen Schildermalen und euch stellen und auf Reisen geh`n, auf eine Wallfahrt, mitten durch den Hürtgenwald, durch den Schauplatz der letzten, verzweifelten Abwehrschlacht im II. Europäischen Krieg. Mitten hindurch, um den Sumpf euerer Vorurteile, der Blendung, des Verbesserwissens, der Heuchelei und des inhärenten Rassismus zu überwinden, den ihr seit Jahren vor Euch herschiebt. Durchquert den Hürtgenwald. Quer durch, weglos. Ja, wir wissen, da liegen noch überall die Glas- und Holzminen, die sich tückisch dem Zugriff der Suchsonden entziehen, inmitten der Geister, der von den Nachfahren Vergessenen, der Verdrängten und der Namenlosen.

Wenn euer Bürgermeister und euere Priester euch mutig zuvorderst vorangehen, auf dem guten Weg, beseelt vom aufrichtigen Wunsch nach „Toleranz“ und „Humanität“, kurzum nach Versöhnung, mit einem Kreuz aus Immergrün bewaffnet und kraft ihres Amtes und ihrer Masse, so werden sie euch sicher geleiten und kein Haar soll euch gekrümmt werden. Mitten hindurch müsst ihr gehen, bis in das Herz, nach Vossenack und dort haltet einen Dankgottesdienst unter freiem Himmel und gelobt, nie mehr gegen zu sein, sondern immer und ewig dafür.

Wikipedia Karte aktualisiert vom Autor


Setzt ein positives Zeichen für uns. Und von dem eingesparten Geld errichtet ihr dem Julius Erasmus, der so viele Namenlose begraben hat, ein würdiges Denkmal, es muss nicht groß sein, aber eindrucksvoll, voller Stille und Majestät, schlicht und mit ewigem Licht. Und geplant und erbaut werden muss es von einem, der versteht. Und weithin sichtbar muss es auf einer Anhöhe stehen, damit das Andenken an Julius Erasmus bewahrt bleibt für alle Zeit, die uns noch bleibt.

Abwehrschlacht im Hürtgenwald 1944


Und wenn dann noch etwas übrig bleiben sollte, an Geld und Glaube, und es wird einiges übrigbleiben, wenn wir uns eueren komfortabel gepolsterten Etat für das organisierte „Gegen“ betrachten, dann benennt eine Strasse nach ihm, oder noch besser einen Platz in Stolberg, in bester Lage, den Julius Erasmus Platz und bringt dort eine Tafel an, auf der stehen könnte:

Julius Erasmus 1895 – 1971

Er tat, was getan werden muß, freiwillig,

und begrub die Getöteten ohne auf Rechts und Links zu achten.

Ein wahrer Mensch unter Menschen.

Und in den Schulen könnt ihr Projektwochen durchführen und von den Kanzeln an seinem Geburtstag sein Beispiel predigen. Und wenn das Denkmal steht und der Platz seinen Namen erhalten hat, dann könnt ihr endlich die Minen an den Ortseingängen entfernen, denn die erschrecken die harmlosen Touristen.

Wie heißt es auf der Internetseite http://www.stolberger-buendnis.de/, „Stolberger Bündnis gegen“, für die die Pressestelle der Stadt Stolberg verantwortlich zeichnet und die aus öffentlichen Geldern finanziert wird:

Wir setzen auf ein breites bürgerliches Engagement im Kampf um unsere freiheitlich demokratischen Grundwerte.“

Diesen Satz hätten wir uns gewünscht, auf den Schildern an den Ortszugängen zu lesen. Es gibt keine Meinungsfreiheit zweiter oder dritter Klasse, es gibt Meinungsfreiheit oder Zensur. Es gibt eine Angst, die in Sümpfe führt und eine Bequemlichkeit, die sich in Sümpfen wohl fühlt, es scheint die Ängstlichsten unter eueren Anführern haben sich in ein Sumpfgebiet geflüchtet, das nur über Knüppeldämme erreichbar ist. Das wäre an und für sich nicht schlimm, wäre deren Karma, wenn nicht Unmündige zu falschem Zeugnis veführt werden würden, zum Rassismus, zur Ausgrenzung des Mitmenschen, zur Stigmatisierung derer, auf die euere Führer in ihrer Angst deuten: Die da sind der Feind! Wie sich doch die Bilder gleichen. Geld fließt reichlich, doch wem nützt es? Den Werbeagenturen. Den Polizisten, die ihren Kopf für das Spektakel hinhalten, wenn wieder `mal was schief läuft?

Wir kehrten der grauen Stadt Stolberg den Rücken. Es lag ein feiner Rauchgeruch in der Luft…..

Aber wir haben euch etwas hinterlassen, einen Hinweis, ein Geschenk, das euch gefallen wird. Es entspricht euerem ursprünglichen Wertekanon und auf der materiellen Ebene euerem Horizont. Es ist, was könnte es anders sein, ein Schild.

Fußnoten der Geschichte:

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Erasmus

Julius Erasmus

Julius Erasmus(* 16. Februar1895 in Aachen; † 3. September1971 in Nideggen-Abenden) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als „Totengräber von Vossenack“ bekannt.

Beginn der Bergungen

Erasmus, vor dem Krieg Textilfabrikant, verlor in derSchlacht um Aachen seine gesamte Familie. Er zog sich nach Kriegsende in eine Hütte im Hürtgenwald zurück, wo im Winter 1944/1945 tausende deutsche und alliierte Soldaten in der Schlacht im Hürtgenwald gestorben waren. Erasmus begann, die toten Soldaten zu bergen, zu identifizieren und zu begraben. Die Lagepläne der Gräber hielt er dabei fest. Erasmus begann seine Arbeit allein, fand jedoch bald Unterstützung durch Männer aus den umliegenden Dörfern und den Vossenacker Dorfpfarrer, Dr. Eschweiler. Die Arbeit war lebensgefährlich, weil der Wald mit Blindgängern und Minen übersät war; bei der anschließenden Minenräumung und Totenbergung ließen etwa 100 Menschen ihr Leben.

Zu den Motiven für seine Arbeit befragt, äußerte Erasmus: „Im Sommer 1945 kam ich nach Vossenack zurück. Ich hatte meine gesamte Habe verloren. Der Krieg hatte mir alles genommen. Und da fand ich sie in den Chausseegräben, am Waldrand, unter zerschossenen Bäumen. Ich konnte sie einfach nicht da liegen sehen, unbestattet und vergessen. Es ließ mir keine Ruhe.“

http://www.volksbund.de/kriegsgraeberstaetten.html?stadt=51407


….Zunächst begrub Erasmus etwa 120 Gefallene an den Waldrändern, bis ihm die Gemeinde ein Stück Land auf dem Gemeindefriedhof nahe der Kirche zur Verfügung stellte.
Männer aus dem Dorf halfen Erasmus bei seiner Arbeit. Im Ortspfarrer Dr. Eschweiler fand er einen besonders treuen Freund und unermüdlichen Helfer. Die Gebeine der Toten wurden in Papiersäcke gelegt, meist auf einem Pferdekarren verladen und auf dem Gemeindefriedhof bestattet. Etwa 800 Tote fanden dort bis zum August 1949 ihre Ruhestätte.

1.569 deutsche Gefallene hat Erasmus – meist unter Einsatz seines Lebens – im Hürtgenwald geborgen. Der Wald brannte an vielen Stellen noch und war vermint. Er hat die Daten der Gefallenen aufgeschrieben, die Toten begraben, Grablagepläne und Belegungslisten angefertigt und mit einfachen, selbst hergestellten Holzkreuzen die Gräber gekennzeichnet; – von niemanden beauftragt, von niemanden angestellt, von niemanden bezahlt.

Schon bald war der Platz auf dem Gemeindefriedhof zu klein. 1949-1952 legte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. mit seinem Chefarchitekten Robert Tischler auf der seinerzeit erbittert umkämpften Höhe 470 den heutigen Ehrenfriedhof Vossenack an. Erasmus wurde Mitarbeiter des Volksbundes. Er war ein eigenwilliger Mensch und lebte über 15 Jahre in einer Hütte am Wald, in der Nähe des Friedhofes. In den sechziger Jahren verließ er Vossenack. ….

http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_im_H%C3%BCrtgenwald

Die Schlacht im Hürtgenwald bezeichnet eine Reihe von drei Abwehrschlachten der Wehrmacht gegen die angreifende US Army im Gebiet der Nordeifel gegen Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Kämpfe um den Hürtgenwald zählen zu den schwersten Kämpfen des Zweiten Weltkrieges überhaupt. Einzelne Aspekte wurden unter anderem von Heinrich Böllund KurtVonnegut literarisch verarbeitet….Ort der Schlacht war der Hürtgenwald, ein 140 km² großes Waldplateau nordöstlich der belgisch-deutschen Grenze, südlich der Linie Aachen-Düren und westlich der Rur gelegen. …. Ziel der deutschen Abwehr war es, einen alliierten Durchbruch zum Rhein zu unterbinden, um dadurch den Aufmarschraum für die geplante Ardennenoffensive zu bewahren. ..Am Vormittag des 6. Oktober 1944 begann der Vormarsch der zur 1. US-Armee gehörenden 9. US-Infanterie-Division unter dem Oberbefehl des V. US-Corps gegen die deutsche 275. Infanteriedivision auf der gesamten Breite des Angriffsgeländes. … Am 8. Februar 1945 fiel endgültig der Ort Schmidt, wodurch die Kämpfe im Hürtgenwald endeten….Über die Anzahl der Verluste (Gefallene und Verwundete) der US-Armee und der deutschen Wehrmacht gibt es kontroverse Schätzungen und Meinungen. Sicher ist, dass es sich um eine der verlustreichsten Schlachten in Westeuropa im Zweiten Weltkrieg handelte. … Von September bis Anfang Dezember 1944 beliefen sich die amerikanischen Verluste im Raum Hürtgenwald auf ca. 32.000 Soldaten…. .

Ernest Hemingway, der als Kriegsberichterstatter Augenzeuge der Schlacht im Hürtgenwald wurde, änderte völlig seine Meinung vom Krieg, den er bis zu diesem Zeitpunkt verherrlichte. In seinem Buch „Über den Fluss und in die Wälder“ verarbeitet Hemingway seine Erlebnisse im Hürtgenwald: „In Hürtgen gefroren die Toten, und es war so kalt, dass sie mit roten Gesichtern gefroren…“ Im Amerikanischen wurde der Hürtgenwald als „Hurt-genwald“ (to hurt = verletzen) bekannt und bezeichnete treffend das verschneite Schlachtfeld. Sprengfallen in den Bäumen und Beschuss hatten den Wald in eine alptraumhafte Wüste verwandelt.“

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