Azawad: der neue Staat in Nordmali

erschienen bei taz

von Dominic Johnson

Staat ja, aber was für einer?

Tuareg-Rebellen und Islamisten beraten über eine gemeinsame Regierung für ihren neuen Staat „Azawad“ in Nordmali. Aber der Umgang mit al-Qaida spaltet die Geister.

BERLIN taz | Knapp zwei Monate nach der Unabhängigkeitserklärung der Tuareg-Rebellen im Norden Malis nimmt die Gründung eines Staates namens „Azawad“ Gestalt an. Aber wie der aussehen soll, ist umstritten: ein Ausdruck der Selbstbestimmung der Wüstenvölker – oder ein Schaufenster des grenzüberschreitenden Islamismus?

Am Samstag unterschrieben die Tuareg-Rebellenarmee MNLA (Nationalbewegung zur Befreiung von Awazad) und die islamistische Gruppe Ansar Dine ein gemeinsames „Protokoll“ zur Gründung eines „Übergangsrates des Islamischen Staates Azawad“.

Unterzeichner waren MNLA-Generalsekretär Bilal Ag Chérif, gewählter malischer Parlamentsabgeordneter für die nördliche Stadt Kidal, und Stammesführer Abass Ould Antilla für Ansar Dine. Das Protokoll verkündet die Selbstauflösung beider Organisationen und ihre Verschmelzung in einem 40-köpfigen Übergangsrat als Vorläufer einer Regierung.

Das hätte eine historische Versöhnung sein sollen. Die MNLA besteht aus Rebellen des Tuareg-Nomadenvolkes. Ansar Dine ist eine rivalisierende Gruppe unter Führung des früheren Tuareg-Rebellenführers Iyad Ag Ghali, die aus Südalgerien heraus agiert.

Sie soll der radikalen „al-Qaida im Islamischen Maghreb“ (AQMI), geführt von Algeriern und zuletzt auch in Niger und Mauretanien aktiv, nahestehen. All diese Gruppen profitierten davon, dass seit dem Sturz der Gaddafi-Diktatur große libysche Waffenbestände umhergeistern.

Die Rebellen eroberten ganz Nord-Mali, nachdem in Malis Hauptstadt Bamako in der Nacht zum 22. März unzufriedene Soldaten putschten, und riefen am 6. April „Azawad“ aus.

Die MNLA brauchte Ansar Dine, weil in Nordmali auch andere Volksgruppen als die Tuareg leben; Ansar Dine brauchte die MNLA, um nicht als Anhängsel al-Qaidas gesehen zu werden.

Aber Ansar Dine huldigt einer strikten Auslegung der Scharia, möglichst in ganz Mali; sie hat die algerischen Al-Qaida-Führer nach Mali eingeladen und Sittenpolizei auf die Straßen von Gao und Timbuktu geschickt. Die laizistische MNLA hingegen verfolgt einfach den alten Tuareg-Traum von Selbstbestimmung.

Die gemeinsame Erklärung vom Samstag hat diese Differenzen nicht beseitigt. So hat sich die Ratifizierung einer abschließenden Erklärung verschoben: Die MNLA sperrt sich gegen die Scharia als alleiniges Recht und gegen ein Betätigungsverbot für nichtmuslimische Hilfsorganisationen.

Sie will auch nichts mit den Al-Qaida-Kämpfern von AQMI zu tun haben. Ansar Dine wiederum „hat uns gesagt, dass es nicht in Frage kommt, AQMI den Krieg zu erklären; das ist das Problem“, sagte MNLA-Mitglied Ibrahim Assaley, Bürgermeister der Kleinstadt Talataye.

Aus Sicht der Tuareg-Rebellen spielen die Islamisten ein doppeltes Spiel. Während MNLA und Ansar Dine in Gao über ihre Fusion verhandelten, traf Ansar Dines Führer Iyad Ag Ghali in Timbuktu die Führer von AQMI und einer weiteren bewaffneten islamistischen Gruppe namens Mujao (Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika).

AQMI-Chef Abdelmalek Droukdel, Algerier, soll seine Kämpfer aufgerufen haben, sich Iyad Ag Ghali unterzuordnen. Damit wäre AQMI offiziell Teil eines neuen islamischen Azawad-Staates.

Die algerische Zeitung L’Expression äußerte gestern die Befürchtung, nun könnten im Norden Malis tunesische, libysche und marokkanische Rekruten ausgebildet werden. Für Beunruhigung sorgt in diesem Zusammenhang die Meldung, dass die Islamisten vergangene Woche in Gao ein gigantisches unterirdisches Waffenarsenal entdeckt haben, das Malis Regierungstruppen bei ihrer Flucht vor zwei Monaten zurückließen.

„Bisher waren sie leichte Waffen gewohnt und seit kurzem Luftabwehrraketen aus Libyen; jetzt haben die bewaffneten Gruppen in der Region schwere Waffen und sogar Panzer“, analysiert der Fachdienst Sahel Intelligence. „Dies ermöglicht ihnen einen qualitativen Sprung.“

Quelle: taz

2 Gedanken zu „Azawad: der neue Staat in Nordmali

  1. Helfen wir doch der „taz“ etwas nach, über das seit langem „taz-Übliche“ hinaus (für die taz war das gute alte Libyen ein Regime! Aber es wäre ja gut, wenn sich etwas ändert und nicht nur kleine Kosmetik, damit es nicht so auffällt. Wobei die mir bisher zugänglichen Artikel von Dominic Johnson generell die Probleme nur lokal sehen, innerhalb Afrikas, abgetrennt von äußeren Ursachen ( D.Phil. from Oxford University in evolutionary biology, and a Ph.D. from Geneva University in political science – an der Uni in der Schweiz wo auch der Ackermann ausgebildet wurde. In seinem Buch „Overconfidence and War: The Havoc and Glory of Positive Illusions“ stellt er dar, dass er der Auffassung ist, dass Kriege infolge Selbstüberschätzung entstehen und er versucht anscheinend alles auf die Evolutionsbiologie zurück zu führen, so dass seine Artikel dann auch nicht verwundern und die tieferen ökonomischen Ursachen und Großmachtinteressen ausblenden. So steht auch zu seinem Buch „Er findet den Irak-Krieg, dem er sein letztes Kapitel widmet, als eine Folge dieser Selbstüberschätzung.“ Den Globalisten leistet er damit gute Dienste und solche Leute sind eben auch bei der taz.):

    Aus den Erfahrungen der Destabilisierung von Afghanistan, Irak, aber auch bereits aus Jugoslawien (Kriminelle im Kosovo als Drehscheibe), kennen wir doch, dass eine weitere Destabilisierung der ganzen Region folgt auf die Terror-Kriege, getarnt als Befreiung von ganz bösen Regimes, wobei man selbst die Regimes, der Hort des Bösen, darstellt.
    Diese Destabilisierung auch als neue Basis zum Schaffen neuer Terroristen dient aber nicht nur den „Sicherheitsfirmen“ als Geschäftsfeld, Sicherheitsfirmen mit ihren Privatarmeen, wo die größte aus Großbritannien bereits betreffs beschäftigter Mitarbeiter wohl das größte Unternehmen auch der EU ist und deutlich mehr Kämpfer hat, als die Armeen von UK und Frankreich zusammen. (Was geht von den USA betreffs Privatarmeen so aus: Neue Privatarmee im Norden Kolumbiens (25. Febr. 2012); USA nach 9/11: Das 250-Milliarden-Dollar-Geschäft – Nach 9/11: 2.000 private Firmen ziehen inzwischen mit in den US-Krieg gegen den Terror. … die Liste wäre hier zu lang für einen Kommentar!)

    Aber das ist eben nicht alles:
    Wie auch Dr. Christof Lehmann schreibt, setzt die NATO bei ihrer weiteren Expansion und Einkreisung von Russland und China in der nächsten Zeit auf „financing, training and arming of radicalized Islamic groups and other organizations that can be directed against Russia and China“, also Finanzierung, Training und Bewaffnung von radikalisierten islamischen Gruppen und anderen Organisationen, die gegen Russland und China eingesetzt werden können.
    (http://nsnbc.wordpress.com/2012/05/20/natos-25th-summit-in-chicago-in-preparation-of-global-full-spectrum-dominance-interventionism-possible-preparations-for-a-regional-war-directed-against-russia-and-china-and-developments-in-global/)
    Wir kennen diese Strategie seit den Erfahrungen der USA in der Schweinebucht, dass eben die USA bei direkter militärischer Konfrontation häufig nicht in der Lage sind, zu gewinnen und deshalb spätestens seit dem Vietnamkrieg das Papier umsetzen, welches noch in Zeiten von Pres. Kenndy erstellt wurde.
    Wer dann etwas weiter denkt (weiter als auch bei der taz üblich), dem fällt dabei wieder ein, dass auch die USA über die Geldmenge beherrscht werden und die Herrschaft über die Geldmenge erfolgt von denen, welche die FED besitzen, wie bei uns die EZB, was Europa bereits arm gemacht hat und die Reichen mit fast unendlich viel Luftgeld versorgt hat für den zweiten Geldkreislauf der Spekulationen und Wetten, aber uns als reale Schulden angelastet.
    Sieht man den Zusammenhang, stellt sich das Problem unweit Europas nicht als lokale Story heraus, wo man mal was schreiben kann, sondern als Gesamtkonzept in der Hoffnung die geschaffenen Terroristen auch weiterhin als gekaufte Söldner einsetzen zu können und in der Hoffnung, dass sich daraus nicht wieder lokale Gegner entwickeln, ein zuletzt gegen Russland und China weltweit gezüchteter Terrorismus, direkt oder als Resultat der Terror-Kriege; also Waffen von Gaddafi und in die Hände gefallene Waffenlager sind nur eine Folge des Terrors der US-geführten NATO.
    Man erinnere sich auch daran, dass 1% der Sahara mit Sonnenkraftwerken genutzt den ganzen jetzigen Bedarf an Energie der Welt abdecken könnten. Aber es ist dort mehr und mehr Terror und nicht nur die Zerstörung des großen Wasserprojektes von Gaddafi. Das ist keine kleine, lokale Story!
    Solange der USD als Weltreservewährung nicht fällt ….. Aber das ist ja anscheinend im Gange, so wie auch Chinesische und Japanische Unternehmen ab Juni 2012 ohne Umweg über den USD den Handel abwickeln wollen, auch um Kosten zu sparen.

    Neben weiterer Rekrutierung von Terror-Armeen bröckelt aber die Herrschaft derer, die auch uns arm machen. Als das Imperium Romanum in sein Geld Blei mischen musste, es teilweise wertlos machen musste, vielen die bisher gekauften Vasallen ab und verwandelten sich in Gegner mit baldigem Ende des Imperiums. Sind das nicht Parallelen?! Nur leider ist ein 3. Weltkrieg nicht mit Schlachten wie im Teutoburger Wald zu vergleichen. Heute steht unser aller Existenz auf dem Spiel dieser Globalisten für die Weltherrschaft, dieser Bande, die auch an der Spitze von Dingen stehen, die sie oft nicht ausreichend verstehen können und auch noch die ganze Wirtschaft kaputt machen. Das ist nicht einmal im Interesse der ganz normalen Kapitalisten, deren Firmen noch reale Produkte herstellen außer Waffen.

    1. @ Steffen

      Als das Imperium Romanum in sein Geld Blei mischen musste, es teilweise wertlos machen musste, vielen die bisher gekauften Vasallen ab und verwandelten sich in Gegner mit baldigem Ende des Imperiums. Sind das nicht Parallelen?!

      Das sind Parallelen!! Voraus ging diesen von Dir geschilderten Ereignissen eine weitere Parallele, auf die ich schon vor Beginn des Libyen-Krieges hinwies: den 3. punischen Krieg, der mit totaler Zerstörung der punischen Staatsform und dem Tod Hannibals endete, als Endfolge eines Handelskrieges zwischen Rom und Karthago.
      Immer wenn die Bilanzen ins Wanken geraten, hilft man sich mit Krieg und „doktert mit Gewalt am Symptom herum“, statt sich den Grundlagen der Mißstände zu stellen…
      Damals siegte Rom noch einmal und blitzte kurz danach unter Augustus noch einmal blendend auf, um als System dann kraftlos in sich zusammenzufallen – ähnlich heute: hochentwickelte (Waffen-)Kultur wird noch einmal kurz aufblitzen, um als System dann…
      Bereiten wir uns vor – es knallt bald!
      herzlich
      jo

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