Leonor erklärt Schliessung ihres Libyen-Blogs

Leonor in Ghadames (Vergrößerung klicken)

von John Schacher

Seit dem 8. November ist Leonores spanisch- und englischsprachiger Libyenblog (leonorenlibia. blogspot.com) geschlossen. Dies sorgte bereits bei zahlreichen Freunden und Unterstützern der libyschen Sache für Rätselraten und Enttäuschung. Nach erfolgreicher Kontaktaufnahme mit einer Leserin aus der Schweiz können wir hier die originale Stellungnahme von Leonor Massanet veröffentlichen. Leonor ist als Psychologin und Pharmakologin (Apothekerin) tätig und hat sich mit dem Blog auch zeitlich sehr viel zugemutet. Ihre Botschaft an uns lautet:

Hola, (liebe Leser),

ich danke Euch herzlich, dass ihr euch um mich sorgt. Die libyschen Personen, die mich früher jeden Tag stundenlang über die aktuellen Vorkommnisse informierten, haben vor einem Monat aprupt damit aufgehört. Können auch zwei Monate sein, ich habe ein wenig die Orientierung verloren. Von da an empfing ich Infos nur noch über Twitter oder von mir unbekannten Leuten, nicht mehr wie früher täglich direkt von meinen Freunden, die ich auch perfekt verstehen konnte.

Danach blockierte die NATO die Kommunikationsverbindungen, bombardierte die Sendemasten, das Fernsehen etc. Sie verhindern eine Verständigung der Libyer sowohl im Inland untereinander, als auch nach Aussen hin. Die NATO bedroht Libyer, die mit dem Ausland kommunizieren, mit der Exekution und hört alle Gespräche mit, weshalb mich meine libyschen Freunde gebeten hatten, den Blog schnellstmöglich zu schliessen. Vor etwa 15 Tagen baten sie mich dies, einfach weil sie ihre Leben in Gefahr sehen. Heute riefen sie mich an und baten nochmals: „bitte schliesse den Blog“.

Ausserdem arbeiten die Stämme hart daran, ein wenig Normalität in ihre Städte einkehren zu lassen, wissend dass niemand ihnen zu Hilfe kommen wird, dass die ganze Welt ihnen den Rücken zudreht und dass die Agressoren nicht aufzuhalten sind. Alle sind sehr traurig, hoffnungslos, erschöpft… aber niemand will mehr über die Ereignisse reden, alle wollen neu anfangen. Sie erklärten mir, dass ich ihnen mit dem Blog Schaden zufüge und selbst auch nicht mehr nach Libyen reisen könnte.

Ihr habt gesehen, dass ich den Blog erst nicht völlig geschlossen habe und erwarte eine Zusammenarbeit mit „ojos para la paz“ (Augen für den Frieden). Über sie werde ich weiter informieren. In diesen Augenblicken fühle ich mich sehr schuldig nicht weiterzumachen, denke jedoch gleichzeitig, dass dies meine Verpflichtung ist. Auch bin ich keine Journalistin, sondern nur jemand, der Libyen und die Libyer liebt und dabei helfen möchte, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Ich hoffe weiterhin über Libyen berichten und wo immer möglich Libyern helfen zu können, was ja der eigentliche Zweck des Blogs war und ist. Ihr könnt auch bei Facebook zu “ojos para la paz” kommen.

Ich hoffe, wir bleiben in Kontakt und verbleibe mit einer Umarmung

Leonor

Leptis Magna Libyen

Fazit: In Anbetracht dieser Hintergründe können wir nur zu gut verstehen, wie weit die Eine-Welt-Diktatur schon gediehen ist. Bis hin zum letzten Telefonat ist es heute unmöglich, ohne Wissen der uns regierenden Verbrecher zu agieren. Das uns im Moment so hilfreich erscheinende Internet trägt die allergrößten Risiken direkt in unsere Intimsphäre. Nun haben wir in der Realität gesehen, wie weit das geht. Aber auch, wieviel Angst die NATO vor der Wahrheit hat. Zudem es sich ja nicht um Geheimdienstler, sondern nur um Telefonate von Bürgern handelt… Zahlreiche dieser Bürger wurden abgehört, registriert, geortet und gezielt vernichtet – vor allem gegen Ende der Sirte-Belagerung gab es viele Opfer. Wer nicht direkt angegriffen wird, kommt auf NATO-Listen, die dann den NTC-Bütteln zur Abarbeitung (Todesliste) gegeben werden. Mittlerweile werden auch Berichte bekannt, in denen „nur“ von Haft und Folter für die „Auslands-Telefonierer“ die Rede ist, nicht mehr gleich von Erschiessung wie noch vor kurzem üblich. All dies auf Leonor zurückführend bleibt es

DANKE, TAUSENMAL DANKE, LIEBE UND GESCHÄTZTE LEONOR

zu sagen. Möge Dein Weg ein schöner sein!

Allah, Muammar, Libya, wa bas

 

7 Gedanken zu „Leonor erklärt Schliessung ihres Libyen-Blogs

  1. Schlimm, sind wir denn schon soweit, oder soll ich sagen, schon wieder soweit?

    Meinen ganz heißen Dank an Leonor für ihre mutige Berichterstattung!

  2. Ich hatte schon das Schlimmste befürchtet, dennoch vermutete ich in etwa das nun Ausgesprochene. Sie ist für mich der Inbegriff des couragierten Blogbetreibers gewesen, und sie tat das auf so liebenswürdige Weise, die ich als einmalig empfand. Mir hat sie die Menschen in Libyen nahebringen können.

    Wie schon Herr Schacher ausführte und meine Vorredner kundtaten: Eine beängstigendes Entwicklung ist eingetreten, dies Beispiel sehe ich als Sinnbild der Bankrotterklärung unserer Menschenwürde.

    Libyen zeigt uns: wer wir sind, wo wir stehen und wohin wir gehen.

    Leonore, ich wünsche Dir und allen Deinen Freunden Kraft, Kraft und nochmals Kraft, das alles zu überstehen.

  3. Vor einigen Monaten sollen angeblich „Chinesen einen Hackerangriff auf deutsche Regierungsrechner gemacht haben“ was von den Chinesen bestritten worden ist.

    Danach wurden sofort Cyber-Abwehrzentren eingerichtet und zahlreiche namhafte Politiker dazu interviewt. Später kam heraus, das es sich um Internet-Zensur-Anlagen handelt um kritische Informationen aus den Web zu blockieren.

    Stalin hätte heute seine helle Freude.

  4. hat jemand eine idee, warum der ganze blog von ihr nicht mehr aufrufbar ist?

    also es mag ja sein, dass sie es vorgezogen hat, das schreiben für den blog einzustellen, aber warum sollte gleich der ganze blog verschwinden??

  5. Libyasos ist wie andere ja noch im Netz, die Quellen und Vernetzungen bestehen also weiterhin. Leonore ist aber Privatperson, Ausländerin und wie oben ja beschrieben, beruflich eingespannt. Sicherlich klingt da was von Erpressung mit, sie wird sicherlich einiges ausgehalten haben und noch aushalten müssen. Übrigens ist alles noch im Netz abrufbar, ebenso des „Generals“ Seite, das Netz ist immer auch Archiv. Aber darauf kommt es nicht so an, vielmehr wie Informationen, Daten und Vernetzungen in Zukunft gewährleistet werden können. Das ist von einer Einzelperson nicht zu bewerkstelligen.

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