Hygiene-Gesetz beschlossen: Zeugnis ärztlichen Scheiterns

von Nina von Hardenberg

Die Bundesregierung verordnet den Kliniken mehr Sauberkeit. Den Ärzten sollte peinlich sein, dass die Politik ihnen die Hygiene-Regeln diktieren muss.

Händewaschen kann Menschenleben retten. Diese einfache Weisheit hat bereits 1847 der Arzt Ignaz Semmelweis erkannt, der als Begründer der Antisepsis gilt. Wie kann es also sein, dass 160 Jahre später in Deutschland immer noch Tausende Patienten pro Jahr an vermeidbaren Infektionen sterben? Dies ist ein Zeugnis ärztlichen Scheiterns in einem Land, das sich seiner Hochleistungsmedizin rühmt, und in dem etwa die Verpflanzung eines Organs schon fast ein Routineeingriff ist. Doch das Basiswissen der Medizin ist offenbar im Alltag vieler Ärzte und Pfleger nicht angekommen.

Eigentlich müsste es den Ärzten peinlich sein, dass sich die Bundesregierung genötigt fühlt, eine Selbstverständlichkeit ins Gesetz zu schreiben: Ärzte müssen im Kampf gegen Infektionen künftig den Stand des medizinischen Wissens beachten. Klinikleiter werden verpflichtet, die aktuellen Hygiene-Regeln, die das Robert-Koch-Institut aufstellt, zu kennen und an ihre Mitarbeiter weiterzugeben. Das klingt trivial, ist es aber nicht. Denn durch die Erwähnung im Gesetz bekommen die alten Standards neues Gewicht. Sie können nicht mehr so leicht ignoriert werden. Die Regierung macht klar: Hygiene ist kein Luxusproblem. Der Kampf gegen resistente Keime ist eine gesellschaftliche Aufgabe, hinter der andere Interessen zurückstehen müssen.

Das ist wichtig, denn der einzelne Arzt befindet sich in einem Konflikt. Hat er nur seinen Patienten im Blick, so tut er diesem vielleicht im Einzelfall etwas Gutes, wenn er ihm das neueste Antibiotikum verschreibt oder eines, das eine ganze Bandbreite von Erregern bekämpft. Der Gesellschaft aber schadet ein solch unreflektierter Einsatz von Medikamenten; führt er doch dazu, dass immer mehr Keime kaum noch auf Antibiotika reagieren.

Interessenkonflikte behindern auch an anderen Stellen den Kampf gegen die Keime. So konnten es sich niedergelassene Ärzte bislang nicht immer vergüten lassen, wenn sie Patienten von Bakterien befreiten. Es ist richtig, dass dies künftig gesondert bezahlt werden soll. Ärzte werden Patienten dann behandeln, bevor sie ins Krankenhaus kommen und dort andere anstecken. Sie helfen so die Ausbreitung der Keime einzudämmen.

Hygiene kostet

Auch den Krankenhäusern fehlte bislang der Anreiz, ihre Patienten konsequent auf Bakterien zu untersuchen. Zwar gilt eine Operation, bei der resistente Keime in die Wunde gelangen, als medizinischer GAU. Nicht nur der Patient ist dann akut gefährdet, muss Komplikationen, Folgeoperationen und zusätzliches Leid ertragen. Auch das Krankenhaus zahlt bis zu 20.000 Euro an zusätzlichen Behandlungskosten.

Trotzdem drücken sich immer noch viele Häuser um ein konsequentes Patienten-Screening. Denn wer viel sucht, findet auch viel. Die Behandlung, mit der die Patienten von den Bakterien befreit werden, kostet aber ebenfalls Geld, das die Kassen nur zum Teil erstatten. Manch ein Haus ignoriert deshalb die Gefahr, hofft, dass alles gut geht und dass die Infektion – wenn überhaupt – vielleicht erst bei einem nächsten Klinikaufenthalt bei der Konkurrenz ausbricht.

Hygiene gibt es nicht gratis. Das gilt auch für den Personalbedarf in den Kliniken. Es ist leicht, über nachlässige Schwestern zu schimpfen, die sich die Hände nicht desinfizieren und dann das Hygiene-Musterland Niederlande zu loben. Ehrlicher wäre, wenn dazu gesagt würde, dass es dort auf Intensivstationen fast eine Eins-zu-eins-Betreuung gibt. Wer aber nur einen Kranken betreut, kann so leicht keine weiteren anstecken.

Deutschland ist gut im Kurieren von Krankheiten, im Vermeiden von Leid aber kann die Medizin noch viel lernen. Es ist eine undankbare Aufgabe, denn anders als für eine spektakuläre Heilung gibt es für verhindertes Leid keinen Applaus. Es ist aber zugleich eine noble Aufgabe. Sie verdient mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung. Die neuen Hygiene-Regeln sind ein erster guter Schritt.

Quelle: SZ

 

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