Wachen und Traum

Dr. Julius Hensel, „Das Leben“, Seiten 390-392:
…Die griechische Lehre von den Naturkräften betrachtete die Erde als den Mittelpunkt der Welt und nahm sie zum Ausgangspunkt aller Naturerscheinungen. Danach hätte der geschlechtslose leere Raum (Chaos) den finsteren Schatten (Erebos) und dessen träumende, mit einem Sternenschleier verhüllte Schwester, die Nacht (Nyx) erzeugt. Diese beiden Geschwister vermählten sich und erzeugten den Sternenraum (Aether) und das Licht oder den Tag (Hemera oder Eos).
Andererseits zeugte der leere Raum (Chaos) aus dringendem Begehren (Eros) die greifbare irdische Fülle oder die Urmutter Erde (Ops, Rhea, Gaea oder Ceres).
Nunmehr gebar die Erde, von dem finsteren Schatten (Erebos) befruchtet, den Himmel (Uranos).
Hierauf soll sich die Erde von ihrem Sohn, dem Himmel, weiterbefruchten gelassen und die reifende Saatzeit, den Kronos, erzeugt haben, der von nun ab seines Vaters Stelle vertrat.
Mit diesem ihrem Kinde, der reifenden Saatzeit, Kronos, erzeugte die Urmutter Erde 6 Kinder, die der Vater stets wieder verschlang. Als aber an den letzten Sohn, Zeus, die Reihe kam, sich verschlingen zu lassen, überreichte die Urmutter Erde dem Vater Kronos ein Stück von ihr selbst, einen Stein, wodurch er vollkommen zufriedengestellt ward. Die Wirkung war, dass er alle verschlungenen Erdenkinder: den Hades (die Unterwelt), den Pontus (das Meer), die Erdwärme (Vesta), die Fruchtbarkeit (Hera) und die Erntezeit (Demeter) wieder hergab und die Jahreszeiten seitdem ihren regelmäßigen Kreislauf nehmen.
Das war ein griechischer Traum, bei klarem Bewusstsein geträumt.
An uns wird es sein, den Traum, den die Griechen träumten, zur Wahrheit zu machen, indem wir der reifenden Zeit einen Stein, Granit oder Porphyr, zum Verschlingen reichen, damit sie lebendige Erdenteile, die Vesta, Hera und Demeter sowie die zu Früchten verwandelten Eingeweide der Erde von sich gebe.
Es gibt Physiologen, welche der Ansicht sind, dass die Träume, in denen ein Individuum, das sonst nicht mit Rednergabe ausgerüstet ist, aus dem Stegreif wohlgeformte, geistreiche und witzige Reden halte, dichterisch improvisiere und andere ungewöhnliche Dinge verrichte, mit dem Titel „Unsinn“ zu belegen seien, denn was man wachend nicht vermöge, das könne man doch träumend erst recht nicht vollbringen; aber diese Ansicht ist mir wenig zusagend.
Zwar hat auch Jean Paul sich ähnlich ausgedrückt, indem er sagte: „Die träumenden Leute sind während des Schlafs lebendig und laufen dafür bei Tage schlafend umher.“ Aber auch Jean Paul hat damit das Wesen von Wachen und Traum keineswegs erklärt.
Der wahre Unterschied zwischen Wachen und Traum scheint mir darin zu bestehen, dass die Träume, die wir wachend träumen, aus Fleisch gewoben sind, während die Träume, die wir schlafend träumen, aus Gas bestehen.
Bei Tage sind wir nicht im Stande, ein Gedankenbild, das wir erzeugt haben, über eine gewisse Zeit hinaus zu konservieren; sobald wir den Versuch machen, es zu tun, schlafen wir ein, als Äquivalent für die Überanstrengung, den Blutstrom festzubannen, der, je länger er an bestimmter Stelle verweilt, um so vollständiger seinen Sauerstoff verliert und dafür mit Kohlensäure beladen wird, in welcher das Nervenfett aufhört sich zu oxidieren und zu funktionieren.
Im Schlaf findet eine solche Überanstrengung nicht statt; es nimmt zwar auch dann, nach wie vor, die Blutzirkulation ihren Gang, aber diese ist mehr auf den Unterleib und auf die Lungen beschränkt, um der Neubildung von Nervensubstanz unter Abscheidung von Kohlensäure Vorschub zu leisten. Im Schlaf überwiegt die Exspiration die Inspiration so erheblich, dass die Körperwärme durch Bedeckung zusammengehalten werden muss, weil durch Oxidation nicht genug Wärme entsteht, um den Verlust zu ersetzen, der durch Ausstrahlung erfolgt, solange der Körper ruht.
Wenn nun im Schlaf Auge und Ohr, Nase und Zunge, ebenso das Gefühl, kein Arterienblut verbrauchen, weil das Blut in den Eingeweiden zirkuliert, so folgt daraus noch nicht, dass sich die Gehirnsubstanz gänzlich passiv verhält, denn ihr Wesen ist nun einmal das Wachstum und die Bewegung, das Produzieren. Ich bin der Meinung, wenn aus der Gehirnmasse während des Schlafens auch kein Wasserstoffoxyd (HHO) oder Kohlendioxyd (COO) zur Abtrennung kommt, so könne sich doch Wasserstoffphosphid (HHHP) oder Irrlichtergas abtrennen. Und wenn dieses sein Spiel treibt, so entstehen natürlich Gewebe, die keinen Faden Fleisch enthalten. Das Irrlichtergas, elastisch und beweglich, an keine Zeit gebunden, weil es sich nicht oxidiert, dehnt sich aus und überbrückt Abgründe, vor denen unsere schwerfällige Alltags-Denkweise entsetzt stillesteht. Es scheint mir diskutabel, wenn wir im Traum mit Leichtigkeit dichten und geistreich sind, ob es nicht die Wahrheit sei, ob nicht im Traum die gasförmige oder geistige Substanz die Alleinherrschaft habe, und, von den Alltagsketten befreit, sich in heimischen Gefilden ergehe. Die im Traum so häufige Vorstellung, vom Schwergewicht befreit zu sein und über der Erde zu schweben, deutet ebenfalls auf die leichte Gasart Phosphorwasserstoff*) hin.
Indessen beanspruche ich keineswegs, dass diese Anschauung Jedermann zusage.

*) Das Auftreten von Phosphorwasserstoffgas ist bei der Temperatur der Blutwärme ein häufig beobachtetes Vorkommnis in solchen Fällen, wo phosphorsaure Erden in feiner Verbindung mit Ölstoff und leimgebender Substanz in Berührung kommen. Beispielsweise zieht der Gebrauch einer Emulsion von Lebertran mit Gummiarabicum-Schleim, Zucker und phosphorsaurem Kalk gegen Scrofulosis in gewisser Zeit den Umstand nach sich, dass die Ausatmung solcher Patienten nach Phosphorwasserstoff duftet. Da obige Bedingungen (Leimstoff, Ölstoff und phosphorsaurer Kalk) in der Schädelsubstanz beisammen sind, so könnte auch als Geburtsstätte mancher Träume sehr wohl die Gehirnschale anzusprechen sein.

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