Leseprobe „Das Leben“ Seiten 397-399

UNSERE KRANKHEITEN UND UNSERE HEILMITTEL
Arzt: „Krank nicht so als durch schwere Phantasien in ihrer Ruh´ gestört.“
Macbeth: „Heil‘ sie davon! Kannst du nicht Arzt sein für ein krank Gemüt?“
— (5. Akt, 5. Szene)
„Durch schwere Phantasien in ihrer Ruhe gestört!“
Das ist die am weitesten verbreitete Krankheit, an der die Menschen leiden.
„Heil‘ sie davon!“
Wer kann sie heilen? —
Wer liefert Balsam für ein krankes Gemüt? —
Als Kind habe ich ein Märchen gelesen, in welchem ein Jüngling die Aufgabe erhält, die hundert Äste eines Baumes abzuschlagen; aber es ruht ein böser Zauber über dem Baum. Der Zauber besteht darin, dass nach jedem Beilhieb, den man gegen einen Ast führt, nicht etwa der Ast zu Boden fällt, sondern zwei neue Äste aus ihm herauswachsen.
Nachdem der Knabe arglos an’s Werk gegangen und nach drei verschiedenen Ästen drei Hiebe getan, jedesmal mit dem gleichen Erfolg, verlor er den Mut und schlug nicht weiter darauf los. Während er nun mit verschränkten Armen abwechselnd den Baum und das seinen Händen entsunkene Beil betrachtet, kommt eine gute Fee herzu; die bleibt vor ihm stehen und fragt ihn: „Worüber bist du so nachdenklich?“ — „Ach,“ sagt der Knabe, „ich soll von diesem Baum die Äste herunterschlagen; aber so oft ich mit diesem Beil nach einem Ast haue, wachsen daraus zwei neue Äste hervor. Jetzt weiß ich nicht, liegt es an dem Baum oder habe ich ein so schlechtes Beil?“ — „Es liegt nicht an deinem Beil,“ sagte die Fee, „es liegt an dir; du arbeitest nach falscher Methode. Dieser Baum will nicht mit der Schärfe des Beils, sondern mit dem stumpfen Rücken bearbeitet sein; auch darfst du dich nicht um seine Zweige bekümmern, in denen ein verkehrtes Leben lebt, sondern musst die Wurzel erschüttern, dann fallen die Zweige ganz von selbst. Versuche es einmal auf die neue Art.“
Da jetzt der Knabe mit dem Beilrücken gegen die Basis des Stammes schlug, kam sofort die Krone mit sieben Ästen herunter; beim zweiten Schlag flogen siebzig Äste nach allen Richtungen in weitem Bogen davon und als der Knabe zum dritten Mal schlug, brach nicht bloß der Rest der Zweige vom Stamme los, sondern der Stamm selbst brach in siebzig mal siebzig morsche Splitter auseinander.
Dieses Märchens habe ich mich erinnert, so oft ich wahrnehmen musste, was da herauskommt, wenn sich aus einem fundamentalen Irrtum zwei neue falsche Lehren entwickeln und jeder falsche Hieb zwei neue Irrtümer hervorbringt.
In der Tat ist es zwecklos, dem einzelnen Träger eines Irrtums zu Leibe zu gehen; es stehen dann sofort, wie aus dem Boden gezaubert, zwei Bundesgenossen an seiner Seite. Denn das Wesen des Irrtums liegt darin, sich im Fall des Angriffs zu verdreifachen, während die Wahrheit einfach und ungeteilt ist, wie das Sonnenlicht, dessen Strahlen geradlinig überall hingelangen, wo man ihm nicht durch verzwickte labyrinthische Höhlen den Zugang abschneidet.
Leider gibt es genug Leute, die geflissentlich labyrinthische Windungen konstruieren und alles, was einfach und übersichtlich ist, verabscheuen, weil es dabei nichts geradezulegen und nichts zu verwirren, aber auch nichts zu profitieren gibt.
Andere, die in solchen Labyrinthen groß geworden sind, vermissen es in keiner Weise, dass darin die Beleuchtung mangelt; sie sind daran gewöhnt und fühlen sich sehr übel berührt, wenn jemand mit hellem Licht in ihre Finsternis hineinleuchtet; sie sind ohne alle bösartige Gedanken Feinde der Veränderung. Das Ding hält sie einmal mit seinem Zauber umstrickt und sie sind damit so fest verwachsen, dass sie aus allen Arterien bluten würden, wenn man sie davon losreißen wollte. Es wäre ebensogut zu verlangen, dass sie ihr Leben preisgeben sollen, denn es fehlt ihnen die Fähigkeit, selbstständig im allgemeinen Erdreich zu wurzeln; sie sind nichts weiter als ein Splitter, der aus dem Stamm seine Existenz herleitet und mit dem Stamme steht und fällt. Der Gedanke, dass es etwas Unwürdiges sei, nur in geschlossener Herde existieren zu können und für sich allein zu nichts verwendbar zu sein, fällt ihnen auch nicht mal im Traume bei.
Man könnte ja wohl gewisse Kathedermenschen ruhig gewähren lassen, wenn sie nicht ein schweres Hindernis für den Fortschritt der übrigen Menschheit bildeten und wenn sie sich nicht anmaßten, der übrigen Menschheit Gesetze geben zu wollen, sie, die von schweren Phantasien heimgesucht, den natürlichen Verstand unter ihre Botmäßigkeit zu zwingen sich bestreben. Kaum ein Tag vergeht ohne solche Kundgebung der Pilz- und Bazillen-Priester, deren Unkenntnis auf physikalischem und chemischem Gebiet mit ihrer Anmaßung gleichen Schritt hält.

Support independent publishing: Buy this book on Lulu.

Nehmen wir ein Beispiel! — Wir sehen alle Jahr mit unseren leiblichen Augen, wie die Kraft der Sonne das Erdreich mit Luft und Feuchtigkeit zu Pflanzenwachstum umformt; wir sehen aber auch, wie ein Übermaß von Sonnenwärme Dürre und Mißwuchs bedingt und dass dann zugleich unter Menschen und Vieh Krankheiten auftreten, z.B. in Indien Pest und Cholera, was eine chemische Entmischung des Lymph- und Blutsaftes bedeutet. Da nun die Bestandteile unserer Fleischsubstanz, nämlich Sarkin, Kreatin, Xanthin und harnsaures Ammoniak, wie die vorangeschickten Darlegungen lehren, aus Blausäure und Wasser zusammengeknüpft sind, so ist es einleuchtend, wenn in der Sonnenglut die Wasserteile daraus fortgehen, dass dann die Blausäure in Freiheit tritt und ihre giftige Eigenschaft dokumentiert, wie dies tatsächlich bei Cholera geschieht.
Man hat nun doch wohl das Recht zu verlangen, dass jeder Mediziner wissen solle, wie tatsächlich aus tierischer Substanz außerordentliche Mengen von blausaurem Kali gewonnen werden, wenn man unter Zusatz von Kali (Pottasche) durch Erhitzen die Wasserteile aus der tierischen Substanz austreibt. Der Chemiker erzielt dies, indem er Feuer unter den Kessel gibt; die Sonne hingegen bewirkt es durch ihre sengende Glut ohne Kesselfeuerung.
Wo käme die Blausäure im Fleisch wohl her, die der Chemiker an Kali und Eisen bindet, wenn sie nicht im Fleisch wirklich vorhanden wäre? Hierüber nachzudenken verschmähen die Bazillenleute, weil sie in der Chemie Ignoranten geblieben sind. Sie begnügen sich, das Mikroskop zu handhaben. Dabei finden sie die sogenannten Bazillen“ und sagen nun: Diese „Bazillen“ sind die Ursache der Erkrankung, denn eine andere Ursache finde ich nicht.
Traurige Gesellschaft! —
Selbst das Bluteiweiß (Hämoglobin) der zahlreichen Säugetiere vermag in Kristallen teils von sechseckiger Form, teils in Rautengestalt dargestellt zu werden. Kein Wunder daher, dass die Produkte der chemischen Zersplitterung von Bluteiweiß ebenfalls Kristallformen aufweisen; und zwar gewöhnlich eine sehr langgestreckte Raute in Form von Spießen oder Nadeln. Statt Spieße oder Nadeln sagen nun die Ignoranten lateinisch: „Bazillen“ oder griechisch: „Bakterien“, auf deutsch: „Stäbchen“ mit der sinnlosen Phrase: „Ein stäbchenförmiger Organismus.“ Solches geschieht vom Katheder her im Jahre 1890! Trotz aller noch soweit getriebenen mikroskopischen Vergrößerung können keinerlei „Organe“ nachgewiesen werden. Gleichwohl behauptet man, diese Stäbchen seien „Organismen“, seien kleinste „Lebewesen“, die den ganzen Organismus anfallen und zerstören, nachdem sie in ihn „eingewandert“ und sich dort „vermehrten“, wobei man an „Begattung“ denkt, obgleich, wie schon gesagt, keinerlei Organ an dem Kristallnädelchen existiert.
Neben den „Bazillen“ unterscheidet man noch „Kokken“, Mikrokokken, Monokokken, Diplokokken und Kettenkokken. Mit diesem Ausdruck bezeichnet man jene Zerfallsprodukte der Fleischsubstanz die, nach Art der Nebelflecken im Fernrohr, unter dem Mikroskop in kugeligen Gruppen auftreten, teils einzeln, teils doppelt, teils wie eine Bernsteinperlenschnur aneinandergereiht. Diese rundlichen Häufchen haben bei sehr starker Vergrößerung gewisse Ähnlichkeit mit dem punktierten Marienwürmchen oder mit der Cochenillencactus-Schildlaus, Coccus Cacti. Auf diese rundliche Form hin, die übrigens nicht scharf umrandet, sondern wolkig verschwommen erscheint, hat man die mikroskopischen Pünktchen „Mikro-Kokken“ getauft. Würde man statt dessen sagen: Kleinläuse, so fiele mit dem lateinischen wissenschaftlichen Mäntelchen auch der Katheder-Herzog, und der ganze Bazillenplunder zerfiele in Zunder.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.