„Das Leben“: Seiten 442-445

…Gleich dem Flecktyphus und Scharlach entsteht auch Milzbrand in dem Falle durch direkte Übertragung, wenn gesunden Tieren milzbrandiges Blut eingeimpft wird. Aber das ist doch eben nicht die einzige und alleinige Weise, wie Milzbrand entsteht. Bei den ersten Tieren, die davon befallen werden, entsteht er teils durch ein Übermaß von Elektrizität bei tropischer Hitze, teils durch Mangel an Trinkwasser und elektrizitätsleitendem Kochsalz. So bei Hirschen in eingehegten Tierparks und ebenso in dunstigen Schweinställen, zumal die Schweine nur von wenigen rationellen Viehzüchtern reines, klares Wasser und genügend Salz, statt dessen vielmehr ziemlich allgemein sogenannten „Trank“, ein gährendes Gemisch von allerlei unsagbaren Zutaten, empfangen. Dazu kommt noch der Mangel an frischer Lebensluft in den Ställen. Auf solche Weise, nämlich durch Absperrung der Alles belebenden Luft, werden jährlich so unberechenbare Mengen Vieh geopfert, dass man alle Hungrigen der Welt damit speisen könnte.
Also scheint es vor allem geboten, uns bei einer so tief einschneidenden Angelegenheit nicht mehr auf falsche Spuren lenken zu lassen, zumal es sich nicht bloß um Viehseuchen handelt. Denn alle übrigen epidemischen Krankheiten fallen ja unter gleichen Gesichtspunkt und überall weiß man uns nichts anderes zu sagen als: Bazillen, Bazillen! — Impfen, Impfen!
Ehe ich nun weitergehe, möchte ich im Interesse des allgemeinen Wohls eine fundamentale Frage tun. Nämlich: Zu welchem Zweck benötigte Herr Professor Dr. Koch auf seiner ägyptischen und ostindischen Expedition einen Chemiker? — Ich denke, es kann nur aus dem Grunde sein, weil er selbst kein Chemiker ist.
Nun, dann darf er es mir nicht übel nehmen, dass ich auch nicht einer einzigen seiner Darlegungen, wenn er nun einmal auf chemischem Gebiet nicht auf eigenen Füßen zu stehen vermag, den allergeringsten praktischen Wert beilege. Ja, ich darf bei diesem Anlass nicht versäumen, darauf hinzuweisen, wie fehlerhaft gearbeitet wird. Man gebraucht Salpetersäure, um die Sputa hineinzulegen und auf solche Weise „Bazillen“ sichtbar zu machen. Aber Salpetersäure verändert jede organische Substanz, indem es dieselbe oxidiert. Folglich werden auf solche Weise chemische Verbindungen geschaffen, die vorher in solcher Form gar nicht existierten. (Hierher gehören u.a. alle Nitro-Verbindungen.)
Bei so weitgehender Unbekanntschaft mit den chemischen Grundgesetzen ist es geradezu schmerzhaft, zu sehen, wie die Welt von solcher Seite her in Aufregung erhalten wird.
Auch Professor Dr. Klebs spricht es direkt aus: Die chemische Natur der Bazillen zu ermitteln, sei Sache der Chemiker. Das heißt denn doch ganz deutlich, er selbst verstehe nichts davon.
Trotzdem maßt man sich jedoch von dieser Seite an, Impfung und Gesundheits-Gesetze zu geben.  „Wer lacht da?“ —
Ob Professor Dr. Virchow genügend Chemiker ist, das weiß ich nicht. Nach seiner Zellen-Theorie darf ich es nicht voraussetzen.
Da nun die Welt immer wieder und wieder mit den Bazillen beunruhigt wird, so muss man leider auch immer wieder dagegen Front machen und dazu dient die Feststellung der chemischen Natur der Infektionsstoffe, als die man die Bazillen bezeichnet.
Wir haben bei Besprechung der Vorgänge, die im Anfang der Erdenzeit stattfanden, ziemlich eingehend der Tatsache Erwähnung getan, dass wir es im harnsauren Ammoniak mit einem sehr weit verbreiteten allgemeinen Baustein für die Leibessubstanz vieler Tierklassen zu tun haben: Fische, Schlangen, Kröten, Säugetiere, Vögel, Spinnen, Insekten und Schnecken, alle enthalten harnsaures Ammoniak. Ohne diesen Umstand würden die Vögel sich nicht so bequem von Insekten ernähren können, die Katze nicht von Vögeln und Fischen, die Fische nicht von Schnecken. In einer gewöhnlichen Scholle (Platessa vulgaris) von der Länge einer Hand fand ich über 50 kleine Muscheln und außerdem 4 lebende Fadenwürmer, sonst nichts weiter.)
Das harnsaure Ammoniak erscheint als ein völlig normales Produkt der Lebenstätigkeit im Kröten- und Schlangen-, im Vogel- und im Menschenharn, in den Exkrementen der Raupen, der Schmetterlinge, der Käfer und der Schnecken, nachdem er als ein Äquivalent der Muskeltätigkeit, der Atmung und der Drüsentätigkeit aus seiner Verbindung mit Fettstoff in dem Maße, als letzterer oxidiert ward, zur Abscheidung kam. Es zirkuliert auch in unserem Blut, findet sich in allen Drüsenorganen, namentlich in Leber und Milz und wird als abgenutzter Baustein durch die Nierenarterien aus dem Körper geschafft, wie ein Stein aus der Mauer sich unter einem Hammerschlag abtrennt. Aber dieser verlorene Baustein muss samt dem Fettkörper, an dem er chemisch festhing, wieder eingemauert werden, und darum genießen wir solche fertigen Bausteine in Gestalt von Muskelfleisch oder, unter erschwerten Umständen, als Pflanzeneiweiß in welchem letzteren Falle eine zeitraubende Umgruppierung des Materials im Darmrohr stattfinden muss, damit die eingerissenen Lücken wieder normal zur Ausfüllung kommen können.
Zwar stellt nun das harnsaure Ammoniak eine Verbindung von 3 Blausäure mit 1 Cyansäure und 1 kohlensaures Ammoniak dar, aber trotzdem ist es unschädlich, denn diese Gruppen befinden sich in gegenseitiger Umklammerung fest aneinandergeschmiedet. Dieser Baustein spaltet unversehrt wieder so ab, wie er angefügt ward. Nur in dem Falle, dass heftigere Einwirkungen, insbesondere von seelischer Natur (Leidenschaften, Jähzorn, Wut, Mordgier, oder auch Aufregung und Angst vor Bazillen), ein bedeutenderes Äquivalent beanspruchen, nur in dem Falle zerbricht der wohlgeformte sechseckige Baustein in einzelne Splitter und es treten dann die einzelnen Dreiecke aus der zerstörten Form formzerstörend in chemische Funktion, also namentlich Blausäure und kohlensaures Ammoniak. Unter solchen Umständen erklären sich folgende Erscheinungen:
a) Die tödlichen Wirkungen des Schlangenbisses, indem als Äquivalent, sei es für die Mordlust, sei es für die mechanische Funktion des Zusammenquetschens der Speicheldrüsen, das im Arterienblut der Schlange zirkulierende harnsaure Ammoniak der Zerspaltung unterliegt, wobei blausaures Ammoniak (Cyanammonium) frei wird. Auch der giftige Krötensaft reagiert alkalisch in Folge von Ammoniak.
b) Die vergiftende Wirkung von Insektenstichen, denn auch bei Spinnen, Käfern, Raupen und Schmetterlingen ist der gleiche Baustein (harnsaures Ammoniak) zu ihrer Leibessubstanz verwendet worden.
c) Die tödlichenWirkungen intensiver Sommerhitze unter der Form von Milzbrand bei feuchter, elektrizitätsableitender Luft.
Alle Milzbrandleichen zeigen die charakteristischen Kennzeichen der entwässernden Wirkungen des blausauren Ammoniaks. Das Blut ist dick und von blauschwarzer Farbe und der Mangel an Elektrizität als Ursache des Todes macht sich dadurch erkennbar, dass die Milzbrandleichen überaus schnell der Fäulnis verfallen. Es handelt sich dabei um den gewöhnlichen ammoniakalischen Zerfall, weil die Elektrizität verschwunden ist.
In dem klebrigen Blut der Milzbrandleichen finden sich zahlreiche kristallisierte Stäbchen. Diese bestehen teils aus harnsaurem Ammoniak, teils aus Kreatin und da diese Substanzen beiderseits Blausäure und kohlensaures Ammoniak enthalten, so beweist das blauschwarze Blut zugleich die Verbindung von Blausäure mit dem eisenhaltigen Hämoglobin des Blutes. Andere Substanzen als Kohlenoxyd und Blausäure haben eine derartige Eigenschaft nicht. (Kohlenoxyd in unserem Blut ist mit Blausäure in der Wirkung identisch, weil es mit dem Ammoniak des Gewebeleimzuckers unter Abscheidung von Wasser Blausäure hervorbringt (CO, HHHN = CHN, OHH)].
Häufig stürzen bei Milzbrand die Tiere zu Boden, wie vom Blitz gefallt und der Tod tritt überaus schnell ein. Auch dieser Umstand beweist das plötzliche Freiwerden bedeutender Mengen Elektrizität in Folge von Zerspaltungs-Vorgängen.
Nun aber steht unter den Zerspaltungs-Produkten des Bluteiweiß das kohlensaure Ammoniak, welches vom ameisensauren Ammoniak und von der Blausäure nur durch Wasserstoff und Wasser unterschieden ist, obenan; und alles deutet darauf hin, dass die elektrochemische Wirkung des kohlensauren Ammoniaks zu derjenigen des Sauerstoffs in einem Winkel von 90 Graden steht, mit der Bedeutung, dass der plötzliche Wechsel zwischen beiden Gasarten eine Richtungsveränderung der Nervensubstanz-Moleküle nach sich zieht. Diese Theorie wird durch folgende Beobachtung gestützt.
Es ist bekannt, dass alle Pferdeställe nach kohlensaurem Ammoniak duften. Letzteres ist entstanden aus Harnstoff, der eine chemische Verbindung mit Wasser einging. Wenn nun ein Pferd bei schlechtem Wetter wochenlang im Stall bei verstopften Fenstern eingesperrt war und dann, sobald besseres Wetter eintritt, die Arbeit aufnehmen soll, kann es vorkommen, wenn es kaum unter der Stalltür steht und die frische Luft schnuppert, dass es zusammenbricht. Ehe der Tierarzt herbeikommt, ist es schon verendet. Die Kölnische Zeitung brachte einen Bericht über einen einzelnen solchen Fall unter vielen, mit dem Zufügen, dass diese Krankheit geheimnisvoll sei. Wenn aber wochenlang die Nervensubstanz gezwungen wird, sich gegen kohlensaures Ammoniak zu stemmen und statt dessen plötzlich Sauerstoff dargeboten wird, so ist es wohl erklärlich, dass alle Moleküle der Nervensubstanz sofort eine Schwenkung von 90 Graden machen und auf solche Weise die Nervenleitung unterbrochen wird, nach Analogie eines durch Luftbläschen unterbrochenen Quecksilberfadens im Barometerrohr. Man kann sich gut vorstellen, welche Verheerung die Vegetation erleidet, wenn statt des Westwindes plötzlich eisiger Nordwind bläst, oder statt des Südwindes ein erkältender Ostwind. Nun, der erwärmende Wind ist das Sauerstoffgas, welches oxidierend wirkt; der erkältende, Katarrh bewirkende Wind ist das Ammoniakgas. Hierin liegt mehr als ein bloßer Vergleich. Denn die Windrichtung ist in der Tat nicht ohne Einfluss auf Wachstum und Gedeihen; begünstigte doch der Ostwind das Auftreten von Influenza und Diphtherie, und der Föhn, noch ehe er da ist, erzeugt Kopfweh. Ferner ist es bekannt, dass jede Art von plötzlichem Übergang zerstörend wirkt, sei es der Übergang aus dem Heißen in’s Kalte, aus tiefem Gram zu eitel Freude, aus der Trunksucht zur Enthaltsamkeit oder was es sei. In vielen solcher Fälle erfolgt plötzlicher Nervenschlag, gleichviel, ob man den Vorgang Apoplexia cerebri (Gehirnschlagfluss) oder Paralysis cordis (Herzlähmung) benennt. Wie will man nun eine solche plötzliche Unterbrechung der elektrischen Nervenleitung erklären, wenn nicht durch chemisches Zerspalten in Folge von unvermittelter Polwendung der Nervensubstanz-Moleküle? — Die veränderte Richtung involviert das Kraft-Äquivalent.

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